Abwesenheitsnotiz

Ich habe seit Anfang April keinen einzigen Beitrag veröffentlicht.

Ich verschwand in einem Meer von Arbeit. Nein, es war kein Haufen. Sondern ein Meer. Die Arbeit umgab mich, riss mich mit, überwältigte mich, gab mir das Gefühl zu ertrinken und trug mich zugleich. Meistens nicht sonderlich sanft. Meistens flog die Welt um mich herum, die Welt außerhalb der Arbeit, einfach an mir vorbei.

Ich las. Obwohl ich arbeitete. Gerade weil ich arbeitete. Wenn auch nicht im Juni. Halt, präziser: Ich las im April und im Mai für mich selbst, im Rausch, einen Roman nach dem anderen. Wieder waren es ausschließlich Jugendromane. Dabei kritzelte ich zuweilen Notizen auf irgendwelche Zettelchen, die kaum noch Platz boten für meine heute kaum noch lesbaren Gedanken.

Ich rezensierte nicht. Ich vermute gar, dass ich ein wenig den Überblick über meine Lektüre verloren habe. Aber noch hege ich den Plan, mich durch meine Notizen und Erinnerungen zu kämpfen und in den kommenden Wochen alle fälligen Rezensionen nachzuholen.

Bis dahin: Walter Benjamin ist in diesem Monat dafür verantwortlich, dass ich trotz Abstinenz regelmäßig Besucher auf dieser Seite habe. Sie kommen aus den USA, aus Großbritannien, Slowenien, der Schweiz und aus der BRD.

In der Hoffnung, euch bei eurer Suche geholfen zu haben, grüßt

Kalliope

Advertisements

Anfang der Woche: Schneeriese

Kapitel 1

Stell es dir so vor, würde er sagen, falls jemand aus einer Beschreibung bestünde, irgendwas Handfestem vielleicht, das die Sachlage einigermaßen erklärte. Stell dir das Meer vor, würde er sagen, ganz ungefähr nur, circa. So, dass es in etwa hinkommt. Kein übertriebenes Meer, keins, das für Postkarten oder Reiseführer taugen würde, viel schöner. Denk dir das Wasser hell und nur am Saum nächtlich blau, komm, denk es dir warm und zerzaust, pfeif auf den Winter und schau es dir an, dieses Meer, ein paar Fischer kämmen es mit morschen Booten, überall schwimmen Möwenschatten und ganz vorn, wo es flach ist, planschen Kinder, dicke Männer lassen Steine springen auf und auf und auf, und alles ist ganz still, alles ist ganz laut, versuch es zu sehen, versuch’s, würde er sagen mit aller Kraft, wenn er bloß wüsste wie, stell dir vor, wie die Möwen schreien über ihren Schatten über dem Meer, denk, wie jedes Gewitter abprallt und wie der Regen einen Bogen macht um dieses Meer, stell es dir ziemlich genau vor. So, würde er sagen, wenn jemand eine Erklärung verlangte – irgendwas Handfestes vielleicht –, so und kein bisschen anders sind die Augen von Stella Maraun.

 

Susan Kreller, Schneeriese, Carlsen, Hamburg 2014, S. 9.

 

Eine Seite, ein Kapitel für die Beschreibung der Augen der weiblichen Hauptfigur dieses Romans. Mittendrin in dieser Beschreibung, die aus Gedankenfetzen zu bestehen scheint, ein Satz voller Lärm und Stille, voller Bilder und Sehnsucht, voller Sommer in einer Geschichte, die vor allem im Winter spielt.

Obwohl der personale Erzähler den Konjunktiv II verwendet, meint, diese Augen nicht beschreiben zu können, tut er es doch, in so kräftigen sprachlichen Bildern, dass meine eigene Sehnsucht wächst. Adrians Liebe zu Stella ist so offensichtlich, dass es wehtut, ihm zu lauschen, ihm zu folgen.

Dieser Roman erinnert daran, wie verletzlich wir Menschen sind, wie zerbrechlich und angreifbar unsere Beziehungen sind, egal, wie alt wir sind. Nicht nur der Anfang drängt zum mehrmaligen, genauen Lesen, das Wehmut und Mitgefühl auslöst.

Valentina Fast: Royal

Valentina Fast, Royal: Princess. Der Tag der Entscheidung, Impress/Carlsen, 2016, E-Book, gedruckt 323 Seiten:

In diesem Spin-off zur „Royal“-Reihe erzählt die Autorin die Geschichte der Schwester des Prinzen, die sich parallel zum Auswahlverfahen abspielt. Eine vorhersehbare, in ihrer erzählten Intensität unglaubwürdige Liebesgeschichte, in der die Ich-Erzählerin in der Rahmenerzählung erst von Feigheit spricht und zuletzt nicht wahrheitsgemäß zur Anführerin einer Rettungstruppe hochstilisiert wird.

Francis Lawrence: RED SPARROW (2018)

Vorab: Guckt euch keine Trailer an, lest nicht zu viel zu diesem Film. Geht hin, wenn euch das Plakat aufmerksam gemacht hat und die ersten Absätze dieser Rezension eure Neugier weiter wecken.

In diesem Agententhriller ist der Kalte Krieg so lebendig, dass erst die von den Figuren benutzten Smartphones den Zuschauer darauf hinweisen, dass die Handlung nicht in den 80er Jahren spielt.

Francis Lawrence erzählt die Geschichte der Primaballerina Dominika, die mit ihrer kranken Mutter in einer vom Bolschoi-Theater gesponserten Wohnung lebt. Das Drehbuch stammt vom Autor der gleichnamigen Romanvorlage, vom ehemaligen CIA-Agenten Jason Matthews. Moskau ist grau, die Wohnungen ebenso dunkel, die Hauptfigur ist immer gut gekleidet. Dominika geht es gut.

Irgendwo in ihrer Nähe macht der CIA-Agent Nate einen Fehler, der dazu führt, dass er Moskau und seinen russischen Schützling und Informanten verlassen muss. Nate geht es nicht gut.

(Achtung: SPOILER)

Weiterlesen „Francis Lawrence: RED SPARROW (2018)“

Jennifer Bosworth: Die Auserwählte

Mia Price wird nicht nur immer wieder vom Blitz getroffen, sondern hat auch zusammen mit ihrem Bruder und ihrer Mutter ein Erdbeben in der Stadt Los Angeles überlebt. Langsam geht das Leben in der Stadt weiter, doch die Mutter leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung und verfällt einem Fernsehprediger, während in der Schule dessen Jünger und eine konkurrierende Gemeinschaft unter der Schülerschaft um neue Anhänger buhlen. Mia ist dabei aufgrund ihrer Fähigkeiten besonders begehrt – bei beiden Seiten. Doch sie will eigentlich nur ihr Ruhe, eine gesunde Mutter und etwas zu essen.

Es fällt schwer, der Ich-Erzählerin in diesem Roman durch ihre Erinnerungen zu folgen. Das wird erst leichter, nachdem die beiden Gruppierungen vollständig eingeführt sind und die Handlung an Fahrt gewinnt. Dabei gelingt es der Autorin auch, die männliche Hauptfigur langsam einzubringen, ohne dass seine Rolle gleich offenbart wird.

Die Figuren handeln allerdings nicht immer nachvollziehbar: Mias Verhältnis zu ihrem Bruder wird dabei meines Erachtens von der Autorin unnötig dramatisiert. Die beiden Geschwister müssten eigentlich nur miteinander reden. Da sie sich allein um ihre Mutter und sich selbst kümmern müssen, wäre eine stabilere, auf Vertrauen basierende Beziehung plausibler gewesen.

Originell erscheint die Story: Menschliche Blitzableiter, die gegen einen fanatischen Sektenführer kämpfen müssen. Doch Vorsicht, das Cover – ein Mädchen, das sich im Tanktop einem von einem Blitz erleuchteten, doch ansonsten dunklen Himmel zuwendet –  und der deutsche Titel schrecken jedoch eher ab. Im Original heißt der abgeschlossene Roman „Struck“ – deutlich treffender, dabei mehrdeutig und nicht so dramatisch/abgenutzt.

Wer sich also durch den Anfang gekämpft hat, wird durchaus unterhalten, kann allerdings denselben Effekt an anderer Stelle auf höherem Niveau erhalten.

 

Goldmann, ohne Altersempfehlung durch den Verlag.

Anfang der Woche: High Fidelity

then …

My desert-island, all-time, top five most memorable split-ups, in chronological order:

  1. Alison Ashworth
  2. Penny Hardwick
  3. Jackie Allen
  4. Charlie Nicholson
  5. Sarah Kendrew

These were the ones that really hurt. Can you see your name in that lot, Laura? I reckon you’d sneak into the top ten, but there’s no place for you in the top five; those places are reserved for the kind of humiliations and heartbreaks that you’re just not capable of delivering. That probably sounds crueller than it is meant to, but the fact is that we’re too old to make each other miserable, and that’s a good thing, not a bad thing, so don’t take your failure to make the list personally. Those days are gone, and good fucking riddance to them; unhappiness really meant something back then. Now it’s just a drag, like a cold or having no money. If you really wanted to mess me up, you should have got to me earlier. …

 

Nick Hornby, High Fidelity, Pengiun Books, London 2000, S. 1.

 

Ich sah den Film, bevor ich den Roman las. Doch zum Glück ähnelt die Interpretation dem Original recht gut; Hornbys Mitarbeit am Drehbuch mag ein Grund dafür sein.

Rob, der Ich-Erzähler dieses Romans, macht gerade eine Trennung von Laura durch. Schon der erste Satz, voll von Attributen, eines als Alliteration, ist komisch und so geht es auch weiter. Dieser Humor in einer sehr traurigen Situation ist typisch für den Autor und macht den Erzähler sympathisch, obwohl er auch ein Arschloch sein kann; desinteressiert, apathisch, vor sich hin dümpelnd. Nun spricht er also seine Verflossene an, der er weismachen will, die Trennung von ihr habe ihn nicht im Kern erschüttert, nicht so wie diese Top-Five-Trennungen es getan hätten. Doch hier straft er sich selbst Lügen: Dieses Beziehungsende, diese Person, ist der Auslöser für seine Reflexion, auch über die früheren Beziehungen und Trennungen. Sie, die ihn ja fast gar nicht beunruhige, sorgt dafür, dass er nachdenkt, sich ändert.

Und damit führt sie die Top-Five an.

Viel Vergnügen bei der Begleitung dieses Suchenden!

Erin Watt: The Royals

Paper Princess (The Royals I), EverAfter Romance, 2016, 370 Seiten:

Eine aufmüpfige und rotzfreche 17-Jährige? Danke, mehr davon! Arm und verwaist wird Ella von einem reichen Gönner in seine Familie voller Söhne aufgenommen. Brachial-lächerlich ist, dass diese Familie „Royal“ heißt, unfassbar reich ist und alle Jungs pubertierende heiße Kerle sind. Ella schlägt sich wacker gegen die grausamen und erniedrigenden Attacken der Jungs, doch dann kommen Verlangen und schließlich Liebe auf. Vom Verlag für Leser ab 17 Jahren gedacht, doch ich stimme der Amazon-Rezensentin C. Hobbins zu: Ich will nicht, dass Jugendliche diesen Alters glauben, Liebe entstünde aus Erniedrigung.

Broken Prince (The Royals II), EverAfter Romance, 2016, 370 Seiten:

Die Heldin durfte kurz etwas Glück erfahren, doch in diesem Teil ereilt sie ein äußeres Unglück nach dem anderen. Anstatt ihre inneren Konflikte zu beschreiben – Was bedeutet es, nun reich zu sein? Ändern sich nun ihre Wünsche? – wird sie bombardiert von Ereignissen, die ihre innere Entwicklung in den Hintergrund drängen. Und so verliert die Figur ihre Charakterstärke. Die Frage, ob ein Mensch einem anderen ein Verhalten, wie es im ersten Band dargestellt wird, verzeihen kann und sollte, wird nicht genügend behandelt. Wichtige Episoden werden nicht erzählt, die Sexszenen gestalten sich schnell als detailliert, aber eintönig.

Twisted Palace (The Royals III), EverAfter Romance, 2016, 370 Seiten:

Das selbstbewusste, eigenständige und durchsetzungstarke Mädchen aus dem Anfang des ersten Bandes ist kaum noch zu erkennen. Ella lässt sich von einem Erwachsenen, der gerade erst in ihr Leben getreten ist, ihr Leben durcheinander bringen. Es ist erst wenige Wochen her, dass ich den Band las, und schon verblasst die Handlung. Gelungen war das Gespräch der Schülerinnen über ihre Eltern und deren Erziehungsmethoden auf der Schultoilette. Insgesamt eine seichte, auf Sex und schnelles Konsumieren hin konzipierte Reihe, die es ja immerhin schaffte, dass ich sie in einem Rutsch las.

 

Ein weiterer Ableger ist auf Wattpad zu lesen: „Tarnished Crown“. Hier geht es um den ältesten der Royal-Brüder. Mit „Fallen Heir“ wenden sich die Autoren dann dem mittleren Bruder zu. In diesem Jahr soll der zweite Band dieses Ablegers, „Cracked Kingdom“, erscheinen.

 

Vom Verlag ab 17 Jahren empfohlen

 

 

Erin Watt: When it’s real

Armes Mädchen trifft auf reichen Jungen. Er hilft ihr finanziell, sie ihm emotional. Natürlich können sie einander zunächst nicht ausstehen. Natürlich ist er ein Badboy und sie ist intelligent, elternlos und 17 Jahre alt. Wie sie allmählich einander näherkommen, dass sie erst für ihn arbeitet und er ein Popstar ist, wurde so zwar nicht zum ersten Mal erzählt, war aber recht unterhaltsam und für mich eine Abwechslung zur Fantasy-/Science-Fiction-Lektüre.

Allerdings sollten die beiden Autorinnen, die hinter dem Pseudonym stecken, etwas mehr an ihren Charakteren feilen: die handeln nämlich nicht immer plausibel oder nachvollziehbar ihrer anfänglichen Konzeption gemäß, sondern eher so, wie der Plot es gerade verlangt. So büßen sie aber Glaubwürdigkeit und Sympathien ein.

 

Harlequin Teen

Alexa Hennig von Lange: Ach wie gut, dass niemand weiß …

Sina ist die 17-jährige Tochter eines gebildeten und wohlhabenden Ehepaares, die gerade unter der Trennung von ihrem Freund leidet, der sie in den Sommerferien mit einer Anderen betrog. Ihre Freundinnen versuchen, sie eines Abends mit einem Besuch in einem Schnellrestaurant abzulenken. Dort lernt sie nicht nur einen Jungen kennen, sondern gerät auch noch in einen Überfall. Sinas Welt und ihre Weltanschauung verändert sich durch diesen Vorfall: Äußerlichkeiten verlieren an Bedeutung, ebenso auch gewohnte Regeln und soziale Grenzen. Auch ihre Freundschaften und ihre Familie erfahren einen Wandel.

Ich griff zu diesem Roman, weil ich von Alexa Hennig von Lange mehr erwartete; mehr als Klischee, mehr Tiefe, mehr Reichhaltigkeit. Sie ist eine der Autorinnen der sogenannten „Popliteratur“ und hatte vor etwa 10 Jahren eine Kolumne in einem Studentenblatt, die ich hin und wieder las.

Ihrer Sprache merkt man die Schreiberfahrung an: Ihre Sätze sind klar, sie scheut keine Satzgefüge, die nicht nur grammatisch treffend ausgeführt sind. Dieser Roman enthält gar wunderschöne Sätze mit Tiefgang:

„Und streng genommen, muss man doch denjenigen fragen, in dessen Leben man tritt, ob man da überhaupt reinpasst.“ (S. 80) Sina reflektiert hier über Noahs ‚Eindringen‘ in ihr Leben.

Er wiederum meint an anderer Stelle: „Es ist doch seltsam, dass Betrügen nicht bestraft wird […]“ (S. 85), und vergleicht dies mit nach dem Gesetz her strafbaren Handlungen wie Diebstahl. Auch seine Überzeugung davon, dass man für seine Freundin Verantwortung trage, dass man auf sie aufpasse, damit ihr nichts passiere (S. 84), macht ihn sympathisch und verleiht dem Roman etwas Gehalt.

Nach ihrem Kennenlernen spricht er recht schnell mit ihr, sucht ihre Nähe, stößt sie also nicht von sich, wie es die Badboys in Jugendromanen sonst tun.

Die Familie ist hier nicht nur ein Hintergrund, sondern Teil der Story, auch wenn sich die Gefühle der Hauptfigur in Bezug auf diese gar zu schnell ändern und mehr nach erwachsener Frau/Mutter denn nach Mädchen klingen.

Insgesamt sind die Hauptfiguren zu glatt und zu platt gezeichnet. Sie ist wieder 17, er ein in eine Badboy-Verkleidung gehüllter gebildeter und heißer Kerl. Bei Attributen wie diesen musste ich innerlich würgen: ebenmäßiges Gesicht, muskulöse Arme, dichte Wimpern, sanfte Stimme und kräftiger Griff. Und damit sind wir erst auf der achten (!!!) Seite des Romans. Die Autorin will von einer Liebe zwischen den sozialen Schichten schreiben, doch auch wenn der Badboy Motorrad fährt, Häuser ausraubt, meist eine blaue Handwerkerhose trägt und im sozialen Brennpunkt wohnt, liebte er in der Schule Deutsch und Kunst, ist freundlich, hat die besten Ansichten zu Beziehungen und will sein Leben nach einem Treffen mit der Protagonistin von Grund auf ändern.

Sina verliebt sich in einen Kerl, der sie in ein Gebüsch zerrt und sie nachts ohne Vorwarnung in ihrem Zimmer aufsucht. Und mit ihrem Exfreund will sie befreundet bleiben – nachdem er sie betrogen hat und sie anschließend noch zum Sex hat überreden wollen. Mich wundert, dass Hennig von Lange so etwas schreibt, da sie doch selbst Mutter von pubertierenden Kindern ist.

Sinas Gedanken bilden sich zum Teil zu früh – sie ahnt die Veränderung in ihrem Leben schon vier Mal, bevor überhaupt irgendetwas ins Rollen kommt. Oder sie sind zu tiefsinnig für eine 17-Jährige, die noch mittendrin in der Veränderung steckt.

Der Plot ist unglaubwürdig – Liebe nach zwei Treffen, beinah gefährlich für unerfahrene Leser – der erste Sex findet rasch und ohne irgendeinen Hinweis auf Verhütung statt, und vor allem ist er am Ende zu sehr auf Spannung konzipiert. Warum Noah sie zu seinem Lieblingsplatz bringt oder überhaupt etwas zu beichten haben muss, erschließt sich nicht. Der einzige Grund ist noch ein Aufreger, damit es am Ende eine noch größere Versöhnung geben kann.

Der Name und das Renommee der Autorin halten nicht, was sie versprechen. Tiefe und Reichhaltigkeit fehlen. Dafür findet man viele Klischees, die unerfahrenen  Leserinnen ein fast obskures Liebesbild zeichnen, und andere wohl nerven.

 

cbt, ab 12 Jahren

Anfang der Woche: Harry Potter und der Orden des Phönix

Dudley umnachtet

Der bislang heißeste Tag des Sommers neigte sich dem Ende zu und eine schläfrige Stille lag über den großen wuchtigen Häusern des Ligusterwegs. Autos, die normalerweise glänzten, standen staubig in den Einfahrten, und Rasenflächen, die einst smaragdgrün waren, lagen verdorrt und gelbstichig da – wegen der Dürre war es verboten worden, sie mit Gartenschläuchen zu wässern. Die Bewohner des Ligusterwegs, die sich nun nicht mehr wie üblich mit Autowaschen und Rasenmähen die Zeit vertreiben konnten, hatten sich in die Schatten ihrer kühlen Häuser zurückgezogen und die Fenster weit aufgestoßen in der Hoffnung, eine vermeintliche Brise hereinzulocken. Der einzige Mensch, der noch draußen war, ein Teenager, lag in einem Blumenbeet vor Nummer vier flach auf dem Rücken.

Es war ein schlaksiger, schwarzhaariger Junge mit Brille, der ausgezehrt und leicht ungesund wirkte, wie jemand der in kurzer Zeit recht schnell gewachsen war. Seine Jeans war dreckig und zerrissen, sein T-Shirt ausgeleiert und verblichen, und die Sohlen seiner Turnschuhe schälten sich vom Oberleder…

 

Joanne K. Rowling, Harry Potter und der Orden des Phönix, Carlsen, Hamburg 2003, S. 7.

 

Ich kam mit der neuesten Ausgabe der „Hinz&Kunzt“ nach Hause und setzte mich zusammen mit meiner kleinen Schwester ins Wohnzimmer: Das Hamburger Straßenmagazin veröffentlichte einen Monat vor dem Verkaufsstart des Romans dessen erstes Kapitel. Wir waren so aufgeregt und so glücklich. Anschließend diskutierten wir das Gelesene. Der Schreibstil der Autorin kam mir damals so verändert vor und auch Harry hatte sich verändert. Ich glaube mich zu erinnern, dass mir beides damals nicht gefiel und irgendwie wirkt das bis heute nach.

Aber zugleich schätzte ich diese Veränderung: Harry war kein Kind mehr und dies musste sich auch in seinem Habitus und somit auch im verwendeten Stil widerspiegeln.

Das Besondere an diesem Anfang ist die flirrende Hitze, die über allem liegt; wie ein Gelbton, der sich über die Szenerie schiebt. In dieser Dürre und mit den Begleiterscheinungen des jugendlichen Wachstumsschubs wirkt der Junge noch einsamer. Er fühlt sich, wie wir in der Folge erfahren, verlassen, doppelt ausgeschlossen vom menschlichen und vom Zauberer-Leben. Und in diesem Elend muss er über sich hinauswachsen und seinem brutalen und verzogenen Cousin helfen.

Die Bildlichkeit dieses ersten Kapitels hat bis heute dafür gesorgt, dass ich meine eigenen Bilder, nicht die der Verfilmung, sehe, wenn ich es lese. Es wird mal wieder Zeit für einen „Harry-Potter“-Marathon.