Andrzej Sapkowski: Der letzte Wunsch

Ja, die Ankündigung, dass Henry Cavill einen mir unbekannten Hexer spielt, hat mich dazu veranlasst, diesen Erzählband zu lesen. ABER: Tatsächlich war mir die Buchreihe schon zuvor auf meinen Streifzügen durch die öffentlichen Bücherhallen begegnet. Nun endlich habe ich den ersten Band dieser Reihe gelesen. UND: Es lohnt sich. Für dich, der du „Krabat“ magst. Oder für dich, dem die von den Gebrüdern Grimm aufgeschriebenen Märchen nicht düster genug sind. Auch du, der du Schwertkämpfe nicht nur am PC ausfichtst, wirst dich an diesem Roman erfreuen.

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Sophie Love: Love like this

Nach einer wochenlangen Freizeit-Lektüre-Abstinenz zu Gunsten der Arbeit folgte wie so oft ein Rauschlesen von einfachen und meist kostenlosen Romanen, die ich mir im Internet heruntergeladen hatte. Grob geschätzt hat mir nur einer von zehn gefallen. Der hier besprochene gehört nicht dazu, wird in den Kommentarspalten allerdings auch gelobt. Weiterlesen „Sophie Love: Love like this“

David F. Sandberg: SHAZAM! (2019)

Irgendwie scheint dieser Superheld alles zu können, aber vor allem kann er unterhalten und dir ein wohlig-warmes „Zu-Hause-ist-da, wo-die-Liebe-wohnt“-Gefühl vermitteln.

Billy (Asher Angel, ja, sein zweiter Vorname ist „Dov“) sucht seine Mutter. Freddy (Jack Dylan Grazer) sucht einen Freund. Als Billy von einem Zauberer (wunderbar ernst in einem lächerlichen Kostüm: Djimon Hounsou) in einen Superhelden verwandelt wird, braucht er selbst einen Freund und wendet sich an den Superhelden-Fan Freddy, der ihn nun mit Hilfe seines Smartphones durch verschiedene Kräfte-Tests begleitet.

Doch als der Superschurke Dr. Sivana (Mark Strong, immer gut als Bösewicht), der sich eigentlich nur nach der Anerkennung seines Vaters sehnt, nach Shazams Kräften giert, wird das Heldentum des Pflegekindes Billy getestet.

Die DC-Verfilmung setzt auf Komik und das gebeutelte Charisma eines Teenagers, der seit einem Jahrzehnt von Pflegefamilie zu Pflegefamilie tingelt. Die Wärme, die ihn in der neuesten „Wohngemeinschaft“ empfängt, mag einen Zyniker anwidern, ist aber so behaglich, dass man sich wünscht, sie wäre Realität. Niedliche, schlaue, verrückte, gemobbte Kids tummeln sich, sodass ein jeder Kinozuschauer seine Nische finden wird.

Der Film steht in Konkurrenz zu den derzeitigen Marvel-Endspielen einer Reihe, die auch von den großen Namen der Schauspieler getragen wird. Hier haben wir die Stimme von Eugene aus „Rapunzel – Neu verföhnt“ als Shazam, Sternchen aus Disney-Serien, Adam Brody aus „O. C. California“ als erwachsenen Sidekick Freddy – Leute, die (noch) nicht so groß sind, aber eben auch Strong und Hounsou (spielte auch für Marvel). Lasst euch nicht davon beirren, dass der Typ auf dem Plakat euch nicht bekannt vorkommt. Und sein Outfit trägt er nicht freiwillig, aber doch mit Absicht.

Kinogänger, die sich von der neuen Spiderman-Reihe in die Säle locken lassen, sind bei „Shazam!“ richtig: lachen, mitfühlen, ein wenig ekeln und gruseln. Geht hin, lasst euch mitnehmen und bleibt sitzen. Dann gibt’s auch einen kleinen Diss gegen Marvel zu hören.

Ein Geschenk

Mit meinem Frühstücksbrot in der Hand renne ich den Weg zurück zu meiner Wohnung. In 13 Minuten wird der Bus abfahren. Ich hatte vor, die Filme und den Roman abzugeben und dann die Haltestelle in Ruhe zu suchen. Doch die Bücherhalle ist noch geschlossen. Jetzt liegen die DVDs und das Buch in dem Rückgabekasten und ich frage mich, warum ich noch einmal von dem Brot abgebissen habe, obwohl ich bereits losgelaufen war.

Oben in meiner Wohnung lege ich das Brot zögernd auf den Zeitschriftenstapel. Eklig, aber alle anderen schnell erreichbaren Ablagemöglichkeiten wären noch ekliger. Ich öffne meinen Mantel, nehme den Schal ab und trage das Parfüm auf. Jetzt kann ich los.

Als ich 15 Jahre alt war, begleitete ich meine Großmutter nach Russland. Wir flogen, während der Rest meiner Familie mit dem Auto eine Fähre nahm. Ich war seit dem Flug nach Deutschland Anfang der neunziger Jahre nicht mehr geflogen. Weil meine Oma sich die lange Autofahrt sparen wollte, wurde mir die Ehre zuteil, mit ihr zu reisen. Sie sollte nicht allein fliegen. Ich bekam einen Reisepass ausgestellt. Ich wurde herausgehoben aus dem Kreis meiner Schwestern. Ich kam mir besonders vor. Später fühlte ich mich aber auch ausgeschlossen, wenn ich die Fotos meiner Familie aus diesem Urlaub betrachtete.

In Moskau lebten wir bei einem Cousin meiner Großmutter, dessen Frau das Mineralwasser, das wir umständlich gesucht und gekauft hatten, wegtrank. In Moskau war das Leitungswasser gechlort. Der Tee schmeckte widerlich. Während wir durch die Stadt zogen, entdeckte ich eine Subway-Filiale. Das war damals etwas Großes. Den Laden kannte ich nur aus Berlin; erst ein paar Jahre später eröffnete auch in meiner Heimatstadt einer. In der Nähe dieser Subway-Filiale war ein Kiosk, ein Verkaufsstand an der Straße. Dort fand ich einen winzigen Flakon des Eau des Toilettes „Hugo Boss Woman“. Ich war aufgeregt. Ich glaube, eine meiner Freundinnen benutzte es damals. Es roch wunderbar. Ich rechnete den Preis um. Während damals vieles einfach nur spottbillig war – im selben Sommer prahlte ein Mädchen, das ich dort kennenlernte, das ihre Großmutter ihr für umgerechnet 5 DM Kleidung gekauft hatte; ich hatte für dieselbe Summe Unmengen an russischen Süßigkeiten gekauft und schämte mich etwas ob meines „Reichtums“-, hatte das Fläschchen auch in Mark seinen Preis. Meine Oma wollte es mir schenken. Ich zögerte, gierig nach diesem kostbaren Schatz. Schwankend, weil ich nur eine von vielen Enkelkindern war, die mir dieses Geschenk zum Vorwurf machen würden. Unsicher, weil es teuer war. Meine Oma schenkte mir auf dieser Reise ihre Zeit, ihre Aufmerksamkeit, Tüten mit süßen Mais-Flips, die Bekanntschaft mit Freunden und weit entfernten Verwandten, die Freiheit, abends weggehen zu können, so lange ich wollte. Und nun dieses Parfüm.

Es hatte keinen Sprühkopf. Ich musste das Fläschchen an mein Handgelenk halten und es dabei leicht kippen. Den Tropfen verrieb ich dann am Hals und zwischen meinen Handgelenken. Ich hatte sehr lange etwas davon. Es kam nur zu besonderen Anlässen zum Einsatz: Wenn ich zu einem Schulkonzert oder auf eine der Partys ging, die ich weit vor der Zeit wieder verlassen musste. Ich glaube, es hielt Jahre. Bis vor wenigen Jahren hatte ich den Flakon noch. Vielleicht liegt er noch immer in den unzähligen Kartons, die ich nach alle den Umzügen noch immer nicht ausgepackt habe. Ein paar Tropfen werden noch immer darin sein.

Später verschenkte meine Oma nur noch Geld. Wir waren zu viele und unsere Bedürfnisse zu unübersichtlich. Zudem wusste sie den Wert des Geldes zu schätzen. Sie hatte in ihrem Leben lange zu wenig davon gehabt. „Hugo Boss Woman“ bekam ich danach alle paar Jahre von meinen Eltern geschenkt. Ich setzte es auf meinen Wunschzettel, wenn sich der Inhalt der letzten Flasche dem Ende zuneigte. Diese Flaschen waren größer, nie wieder so winzig wie die erste. Nie wieder war der Geruch so intensiv. Zwischendurch bekam ich auch andere geschenkt: von s. Oliver, von mexx. Ich nutzte auch ein kleines Rosenfläschchen, das ebenfalls lange hielt. Aber seit mehr als einem Jahrzehnt gibt es nur das Eine. Ich benutze es beinahe täglich, zur Arbeit. Ich will, dass man es wahrnimmt, wenn man mich umarmt. Ich genieße den Geruch auf meinem Schal, auf der Kleidung, die an meiner Garderobe hängt. Wenn ich meine Neffen sehe, verzichte ich häufig darauf, weil der ältere einmal zu mir meinte, dass er den Geruch nicht möge. Da war er wohl drei Jahre alt.

Die letzte Flasche kaufte ich mir selbst. Das Unternehmen hat die Produktion des Eau de Toilette eingestellt. Meine Mutter kaufte mir fälschlicherweise das Parfüm der Linie, weil ich eben immer nur vom Parfüm sprach und früher mein Vater diese Art von Geschenken besorgt hatte. Ich gab die Flasche an eine meiner Schwestern weiter und fragte online bei Hugo Boss nach, was mit dem Eau de Toilette geschehen war. Die Kundenbetreuerin war freundlich, aber ohne echtes Verständnis für mein Anliegen. Ich suchte nach Restbeständen und kaufte schließlich eine überteuerte kleine Flasche, von der ich noch heute nicht sicher bin, ob sie tatsächlich original ist. Ich weiß ja nich, wo das erste Fläschchen zum Abgleichen ist. Ich nutze es jetzt wieder bewusster, etwas seltener. Wer weiß, wie lange es noch Flaschen zu kaufen gibt.

Ich trage ein schwarzes Kleid, eine schwarze, engmaschige Strumpfhose, einen schwarzen, leider dünnen Strickcardigan, zu dünne, aber schwarze Schuhe und meinen fetten, nicht-schwarzen Mantel, dazu meine grüne Strickgarnitur. Es soll heute regnen und es ist kalt. Ich habe weitgehend auf Schminke verzichtet, sie würde nur hässliche Spuren hinterlassen. Zudem will ich mich nicht ausstaffieren. Ich will, dass man mir meine Trauer ansieht. Ich inszeniere meine Trauer, obwohl ich das zugleich nicht will. Ich sehe schmal und zart aus und bin zufrieden damit. Aber die Blässe sieht auch erschreckend aus, weshalb ich doch mit dem Kajal die oberen Lider leicht entlang fahre. Auf dem Weg zum Bus frage ich mich, ob es verrückt ist, wegen eines Parfüms zurückgelaufen zu sein.

Aber es ist das Geschenk meiner Großmutter. Etwas, das mir hilft, mich besonders zu fühlen, das mich einlullt. Etwas, das mich lange begleitet.

Ich erreiche die Bushaltestelle rechtzeitig, muss ein paar Minuten warten. Zehn Minuten später bin ich auf dem Friedhof und begleite die Damen aus dem Hauskreis meiner Oma in die Feierhalle 2. Bis zu dem Moment, an dem ich ein paar Familienmitgliedern mit der Geschiche über meinen morgendlichen Aufbruch vermittelt will, wie es mir geht, denke ich nicht mehr an mein Parfüm, an meinen Geruch. So sollte es sein. Ein Begleiter, nichts Aufdringliches.

Ich weiß nicht, wie meine Oma gestern gerochen hat. Ich habe sie nicht berührt, habe mich nicht über sie gebeugt. Ich habe zwei meiner Schwestern in meinen Armen gehalten und geweint. Nicht so frei, wie ich es vermutlich brauche. Ich habe gelacht, weil das Bestattungsunternehmen oder die Floristin, die von diesem beauftragt worden war, ein Wort auf den Schleifen unseres Gestecks vergessen hatte. Nach meinen sorgfältigen Überlegungen zu den Worten, die dort stehen sollten, nach meinem Hinweis darauf, dass ich Lehrerin bin, nach dem Bemühen der Bestatterin, alles genau nach Vorgaben aufzuschreiben, verdammt, nach einer WhatsApp-Auseinandersetzung über die korrekte Schreibweise eines russischen Wortes, hatten sie das „wir“ in unserem Gruß vergessen. An einem anderen Gesteck fehlte ein „h“. Ich lachte am Sarg meiner Oma und wies eine meiner Schwestern auf die Fehler hin. Ich lachte weiter und beruhigte die besorgt fragende Bestatterin, der ich das schon übelnehme. Ich weiß nicht, wem auffiel, dass wir lachten, aber ich war froh, dass wir es taten.

In ihrem Bad in ihrem Haus riecht es noch immer nach ihr. Genauso, wie es auch in ihrem Bad in unserem Haus immer gerochen hatte.

Vor acht Tagen

Als sie starb – ich meine den Moment, in dem ihr Leben endete -, saß ich im Lehrerzimmer und sprach über Geburten, darüber, ob man das Geschlecht seines Kindes vor der Geburt wissen will und wie man es ermittelt. Ich schüttelte den Kopf ob der Methoden, die es einem ermöglichen, schon früh zu planen, in welcher Farbe man das Kinderzimmer streicht. Eigentlich erstellte ich gerade einen Bewertungsbogen, dem wandte ich mich mit einem Ohr zur Unterhaltung wieder zu.

Als sie starb, als sie fiel, weil in ihrem Kopf etwas riss, plauderte ich also, statt zu arbeiten.

Als die Notärzte sie zum Krankenhaus brachten – oder waren es nur Sanitäter? -, dachte ich auf dem Heimweg daran, sie endlich wieder anzurufen. Aber weil ich die Worte meines Vaters im Kopf hatte, nach denen ich sie immer nur von unterwegs, immer nur für wenige Minuten anrief, ließ ich es bleiben, verschob es auf später.

Später, als sie im Sterben lag, betrachtete ich ihre sauberen Fingernägel, ihre vom Sturz blaue Zunge, streichelte ihre glatte und zugleich weiche Haut, hielt ihre noch warme Hand, sang ihr Lieder und las ihr Psalmen. Ich betete für sie und küsste ihre Stirn, wie ich es wohl noch nie zuvor getan hatte und nie wieder tun werde. Während sie immer schwerer Luft bekam, weil Wasser ihre Lungen füllte, sagte ich ihr auf Wiedersehen. Aber weil sie im Sterben lag, hörte und spürte sie mich vielleicht nicht mehr.

Als sie zum letzten Mal atmete, schlief ich.

Der erste Schnee

Winzige weiße Fäden. Nach wenigen Minuten bilden sie zusammen eine helle, hauchfeine Schicht auf dem Kies, den Autos, dem Rasen.

Ich weiß nicht, wie ihre Winter waren. Ich weiß, dass sie als Kind, zu Beginn der Pubertät, mit ihrer Schwester über die Kartoffelfelder lief und mit und ohne Erlaubnis liegen gebliebene Knollen aufklaubte. Die Mutter machte Suppe daraus, aus Schalen und dem Rest der Kartoffel, aus dem, was eigentlich satt macht. Wenn man genug davon hat.

Die Mutter war nicht immer da. Eine Zeit lang war sie in der Arbeitsarmee, so wie der Vater, der von dort nicht mehr zurückkehrte. Man teilte ihnen später mit, er sei unterwegs gestorben, an einem Bahnhof. Ich denke, sie glaubte noch lange daran, dass er noch lebte.

Kartoffelsuppe aß sie später noch immer gern. Die war nur deutlich nahrhafter. Sie sagte „Kartoffelsupp“ dazu.

Sie muss damals gefroren haben. Ich kann sie mir als Kind nicht vorstellen. Dunkles, welliges Haar, große Augen. Pausbacken, wie später, wird sie nicht gehabt haben. Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie zittert, wie sie sich das Bett mit mehreren Menschen teilt, wie sie nachts das Haus verlässt, um in einen Pferdewagen zu steigen. Wie sie ein Transportschiff betritt, eines, das eigentlich für den Viehtransport gedacht ist. Wie sie dort, noch ohne Angst vor dem Wasser, steht, wie sie vielleicht sieht, wie das andere Schiff untergeht und mit ihm die Deportierten.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein Mensch das alles übersteht und weiterlebt.

Irgendwo zwischen Europa und Asien

Sie sagte immer, sie habe ihren Mann nie geliebt.

Als er sie in ihrem 24. Lebensjahr fragte, ob sie ihn heiraten wolle, antwortete sie ihm, er solle sich zu seinem „Adam“ lieber eine „Eva“ statt einer „Maria“ suchen. Doch er ließ nicht locker. Sie wollte Kinder, also heiratete sie ihn. Neun Monate später bekam sie ihr erstes Kind.

Heute dachte ich, dass sie in ihrem Leben nie geliebt hatte. Wie traurig das klang, wie traurig dieser Gedanke ist.

Dann fiel mir ein, dass es vor meinem Opa noch einen anderen Mann gegeben hatte. Ihn hatte sie geliebt, denke ich. Warum waren sie nicht zusammen geblieben? War er ein Einheimischer? Ging sie weg, weil sie nicht wollte, dass er sie heiratete, sie, die krank war? Es fällt mir nicht mehr ein.

Und ich kann sie nicht mehr fragen.

Anfang der Woche: Erebos

Es beginnt immer nachts. Nachts füttere ich meine Pläne mit Dunkelheit. Wenn es etwas gibt, worüber ich im Übermaß verfüge, so ist es Dunkelheit. Sie ist der Boden, auf dem gedeihen wird, was ich wachsen lassen möchte.

Schon immer hätte ich, vor die Wahl gestellt, die Nacht dem Tag vorgezogen und den Keller dem Garten. Nur nach Sonnenuntergang wagen sich meine verkrüppelten Ideenwesen aus ihren Bunkern, um eisige Luft zu atmen. Sie warten darauf, dass ich ihren missgestalteten Körpern eine eigene groteske Schönheit verleihe. Ein Köder muss schön sein, damit die Beute den Haken erst bemerkt, wenn er tief im Fleisch sitzt. Meine Beute. Fast möchte ich sie umarmen, ohne sie zu kennen. In gewisser Weise werde ich das tun. Wir werden eins sein, in meinem Geist.

Ich muss die Dunkelheit nicht suchen, sie ist immer um mich, ich verströme sie wie meinen Atem. Wie die Ausdünstungen meines Körpers. Mittlerweile meidet man mich, das ist gut. Sie alle schleichen um mich herum, wispernd, unbehaglich, angstvoll. Sie denken, es ist der Gestank, der sie fernhält, doch ich weiß, es ist die Dunkelheit.

Ursula Poznanski, Erebos, Loewe Verlag, Bindlach 2018, S. 5.

 

Kein Hinweis darauf, ob ich es mit einem Prolog oder dem ersten Kapitel zu tun habe. Nur die Schönheit des Dunklen und Hässlichen.

Der Ich-Erzähler, dieses unmenschliche und asoziale Etwas, schwelgt in der Dunkelheit, die er auch produziert und und über die er gebietet. Er zelebriert das Zerstörte, das Gefährliche und Abstoßende, das in der Dunkelheit einer stinkenden Gasse ebenso lauern kann wie in einem einsamen Geist.

Dieses dunkle Ich wirkt einsam und gefährlich, eben auch, weil seine einzigen gewollten Begleiter „Ideenwesen“, „Pläne“ sind – Pläne, die Opfer fordern sollen. Fast liebevoll spricht der Schöpfer des Dunklen von seiner Beute.

Ist es ein Jäger, ein Mörder, der da spricht? Ist es sein Auge, das mich auf dem Buchumschlag anstarrt? Aber es soll hier doch um PC-Spiele gehen, dazu passt auch die Erwähnung des Kellers. Doch wer ist dann die Beute?

Und schon zelebriere ich selbst die Schönheit der Dunkelheit und lese Seite um Seite, um wieder von diesem Ich zu lesen, um seine Identität zu erkennen, um zu verstehen, was dieser Roman will.

 

Beratung im kleinen Kreis

11. Oktober 2018, 18.10 Uhr: Im Bundestag soll der Gesetzesentwurf zur Änderung der in das Geburtenregister einzutragenden Angaben zum ersten Mal beraten werden. Federführend ist das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat.

Schulklassen in den Rängen.

Gähnende Leere im Plenum. Ganz vorn, in den ersten Reihen, sitzen ein paar Abgeordnete aus jeder Fraktion. Ein Herr lehnt sich in der ersten Reihe zu seiner Kollegin, seine Umhängetasche lässig über die Schulter geworfen. Es wird auch an anderen Stellen geplaudert.

Der Bundesinnenminister, Herr Seehofer, fehlt.

Ich schäme mich.

Der Entwurf sieht vor, dass sich jede Person bei der Eintragung ihres Geschlechts zwischen divers, weiblich und männlich entscheiden kann. Änderungen nach der Geburt sind möglich. „Divers“ steht für „Varianten der Geschlechtsentwicklung“, wie es im Entwurf heißt. Will man diese Option bei der Eintragung oder Änderung wählen, dann benötigt man laut Entwurf ein ärztliches Attest.

Die Redner der Linken, der Grünen und der FDP beanstanden meines Erachtens zurecht diese Auflage: Wenn du dein Geschlecht offiziell als „divers“ eintragen lassen willst, musst du dich zuvor untersuchen lassen. Das ist diskriminierend. Wenn du mit weiblichen Geschlechtsorganen geboren wirst, deine Eltern „weiblich“ eintragen lassen und du dich zeit deines Lebens als Frau fühlst, dann verlangt von dir niemand einen Besuch beim Arzt. Ebenso verhält es sich bei der Eintragung „männlich“. Wenn du aber als Jugendlicher (ab 14 soll laut Entwurf eine eigenständige Änderung möglich sein) oder auch als Erwachsener „divers“ eintragen lassen möchtest, wo derzeit „männlich“ oder „weiblich“ steht, dann verlangt der Entwurf eine ärztliche Untersuchung. Warum?

Wer will ein anderes als sein tatsächliches Geschlecht in seinen personenstandsrechtlichen Urkunden stehen haben? Frau von Storch (AfD) unterbricht den Redebeitrag des CSU-Abgeordneten Dr. Volker Ullrich mit der Frage nach biologisch männlichen Personen, die ihr Geschlecht bei einem Verzicht auf das Attest dann einfach in „weiblich“ ändern lassen könnten; sie fragt, ob die dann als männliche oder weibliche Sportler an Wettbewerben antreten würden. Wunderbarerweise verweist Herr Dr. Ullrich auf die Unangemessenheit dieser Frage. Erstaunlicherweise, der Entwurf stammt auch von der CSU, meint er, dass über die Art des Nachweises noch gesprochen werden müsste, und verweist dabei auf die mögliche Belastung durch einen Arztbesuch.

Wenn man in einer Welt, die immer noch vor allem bipolar geprägt ist, sich nicht nur männlich oder nur weiblich fühlt, dann sollte einem die Entscheidung, sich als „divers“ eintragen zu lassen, nicht auch noch erschwert werden.

Ich hoffe für uns, die Gesellschaft, in der ich leben möchte, und für den Bundestag, dass seine Mitglieder in den kommenden fünf Sitzungswochen zahlreicher an den Beratungen teilnehmen. Das Bundesverfassungsgericht fordert bis zum Ende des Jahres eine Gesetzesänderung. Es ist zu peinlich, dass es normal ist, wenn nur die Abgeordneten, sie sich interessieren, zu den Beratungen bleiben. Denn das Thema geht alle, auch künftigen Mitglieder der Gesellschaft an. Es erscheint respektlos, wenn die gewählten Vertreter reden oder fehlen, während über die Identität von Menschen und ihrer Anerkennung vor Behörden beraten und später entschieden wird.