Anfang der Woche: Erebos

Es beginnt immer nachts. Nachts füttere ich meine Pläne mit Dunkelheit. Wenn es etwas gibt, worüber ich im Übermaß verfüge, so ist es Dunkelheit. Sie ist der Boden, auf dem gedeihen wird, was ich wachsen lassen möchte.

Schon immer hätte ich, vor die Wahl gestellt, die Nacht dem Tag vorgezogen und den Keller dem Garten. Nur nach Sonnenuntergang wagen sich meine verkrüppelten Ideenwesen aus ihren Bunkern, um eisige Luft zu atmen. Sie warten darauf, dass ich ihren missgestalteten Körpern eine eigene groteske Schönheit verleihe. Ein Köder muss schön sein, damit die Beute den Haken erst bemerkt, wenn er tief im Fleisch sitzt. Meine Beute. Fast möchte ich sie umarmen, ohne sie zu kennen. In gewisser Weise werde ich das tun. Wir werden eins sein, in meinem Geist.

Ich muss die Dunkelheit nicht suchen, sie ist immer um mich, ich verströme sie wie meinen Atem. Wie die Ausdünstungen meines Körpers. Mittlerweile meidet man mich, das ist gut. Sie alle schleichen um mich herum, wispernd, unbehaglich, angstvoll. Sie denken, es ist der Gestank, der sie fernhält, doch ich weiß, es ist die Dunkelheit.

Ursula Poznanski, Erebos, Loewe Verlag, Bindlach 2018, S. 5.

 

Kein Hinweis darauf, ob ich es mit einem Prolog oder dem ersten Kapitel zu tun habe. Nur die Schönheit des Dunklen und Hässlichen.

Der Ich-Erzähler, dieses unmenschliche und asoziale Etwas, schwelgt in der Dunkelheit, die er auch produziert und und über die er gebietet. Er zelebriert das Zerstörte, das Gefährliche und Abstoßende, das in der Dunkelheit einer stinkenden Gasse ebenso lauern kann wie in einem einsamen Geist.

Dieses dunkle Ich wirkt einsam und gefährlich, eben auch, weil seine einzigen gewollten Begleiter „Ideenwesen“, „Pläne“ sind – Pläne, die Opfer fordern sollen. Fast liebevoll spricht der Schöpfer des Dunklen von seiner Beute.

Ist es ein Jäger, ein Mörder, der da spricht? Ist es sein Auge, das mich auf dem Buchumschlag anstarrt? Aber es soll hier doch um PC-Spiele gehen, dazu passt auch die Erwähnung des Kellers. Doch wer ist dann die Beute?

Und schon zelebriere ich selbst die Schönheit der Dunkelheit und lese Seite um Seite, um wieder von diesem Ich zu lesen, um seine Identität zu erkennen, um zu verstehen, was dieser Roman will.

 

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Beratung im kleinen Kreis

11. Oktober 2018, 18.10 Uhr: Im Bundestag soll der Gesetzesentwurf zur Änderung der in das Geburtenregister einzutragenden Angaben zum ersten Mal beraten werden. Federführend ist das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat.

Schulklassen in den Rängen.

Gähnende Leere im Plenum. Ganz vorn, in den ersten Reihen, sitzen ein paar Abgeordnete aus jeder Fraktion. Ein Herr lehnt sich in der ersten Reihe zu seiner Kollegin, seine Umhängetasche lässig über die Schulter geworfen. Es wird auch an anderen Stellen geplaudert.

Der Bundesinnenminister, Herr Seehofer, fehlt.

Ich schäme mich.

Der Entwurf sieht vor, dass sich jede Person bei der Eintragung ihres Geschlechts zwischen divers, weiblich und männlich entscheiden kann. Änderungen nach der Geburt sind möglich. „Divers“ steht für „Varianten der Geschlechtsentwicklung“, wie es im Entwurf heißt. Will man diese Option bei der Eintragung oder Änderung wählen, dann benötigt man laut Entwurf ein ärztliches Attest.

Die Redner der Linken, der Grünen und der FDP beanstanden meines Erachtens zurecht diese Auflage: Wenn du dein Geschlecht offiziell als „divers“ eintragen lassen willst, musst du dich zuvor untersuchen lassen. Das ist diskriminierend. Wenn du mit weiblichen Geschlechtsorganen geboren wirst, deine Eltern „weiblich“ eintragen lassen und du dich zeit deines Lebens als Frau fühlst, dann verlangt von dir niemand einen Besuch beim Arzt. Ebenso verhält es sich bei der Eintragung „männlich“. Wenn du aber als Jugendlicher (ab 14 soll laut Entwurf eine eigenständige Änderung möglich sein) oder auch als Erwachsener „divers“ eintragen lassen möchtest, wo derzeit „männlich“ oder „weiblich“ steht, dann verlangt der Entwurf eine ärztliche Untersuchung. Warum?

Wer will ein anderes als sein tatsächliches Geschlecht in seinen personenstandsrechtlichen Urkunden stehen haben? Frau von Storch (AfD) unterbricht den Redebeitrag des CSU-Abgeordneten Dr. Volker Ullrich mit der Frage nach biologisch männlichen Personen, die ihr Geschlecht bei einem Verzicht auf das Attest dann einfach in „weiblich“ ändern lassen könnten; sie fragt, ob die dann als männliche oder weibliche Sportler an Wettbewerben antreten würden. Wunderbarerweise verweist Herr Dr. Ullrich auf die Unangemessenheit dieser Frage. Erstaunlicherweise, der Entwurf stammt auch von der CSU, meint er, dass über die Art des Nachweises noch gesprochen werden müsste, und verweist dabei auf die mögliche Belastung durch einen Arztbesuch.

Wenn man in einer Welt, die immer noch vor allem bipolar geprägt ist, sich nicht nur männlich oder nur weiblich fühlt, dann sollte einem die Entscheidung, sich als „divers“ eintragen zu lassen, nicht auch noch erschwert werden.

Ich hoffe für uns, die Gesellschaft, in der ich leben möchte, und für den Bundestag, dass seine Mitglieder in den kommenden fünf Sitzungswochen zahlreicher an den Beratungen teilnehmen. Das Bundesverfassungsgericht fordert bis zum Ende des Jahres eine Gesetzesänderung. Es ist zu peinlich, dass es normal ist, wenn nur die Abgeordneten, sie sich interessieren, zu den Beratungen bleiben. Denn das Thema geht alle, auch künftigen Mitglieder der Gesellschaft an. Es erscheint respektlos, wenn die gewählten Vertreter reden oder fehlen, während über die Identität von Menschen und ihrer Anerkennung vor Behörden beraten und später entschieden wird.

Anfang der Woche: Jenseits

Nicht wird er ruhn, bis er das Thier verbannt;

Er wird es wieder in die Hölle senken,

Von wo’s der erste Neid heraufgesandt.

 

Dante Alighieri, Göttliche Komödie, Erster Gesang

 

Alles kann geschehen innerhalb eines Wimpernschlags. Absolut alles.

Eins.

Zwei.

Drei.

Jetzt.

Ein Mädchen lacht mit seinen Freundinnen.

Plötzlich reißt ein Krater die Erde auf, und heraus schießt ein Mann auf einem pechschwarzen Streitwagen, gebaut in den tiefsten Tiefen der Hölle, gezogen von Hengsten mit flammenden Augen und Hufen aus Stahl. Noch bevor irgendjemand das Mädchen warnen oder das arme Ding wegrennen kann, sind die Hufe schon über ihm.

Das Mädchen lacht nicht mehr. Es schreit.

Doch es ist zu spät. Der Mann beugt sich aus seinem Streitwagen, packt das Mädchen an den Hüften und zerrt es mit sich hinunter, zurück in den Krater.

Das Leben des Mädchens wird nie wieder so sein, wie es vorher war.

Trotzdem braucht man sich um sie keine Sorgen zu machen; sie ist nur eine Figur aus einem Buch. Ihr Name war Persephone, und mit der Geschichte, wie Hades, der Gott der Toten, sie in die Unterwelt entführt, erklärten die alten Griechen sich den Wechsel der Jahreszeiten. Heute nennt man so etwas einen Ursprungsmythos.

Was mir passiert ist, ist allerdings kein Mythos.

Wenn mir noch vor ein paar Tagen jemand eine Geschichte von einem Mädchen erzählt hätte, das jedes Jahr von einem Kerl für sechs Monate in seinen Unterweltpalast entführt wird, hätte ich nur gelacht.

Du glaubst, Persephone hatte Probleme? Ich sage dir, wer Probleme hat: ich. Und zwar viel größere als sie. Vor allem nach dem, was vor ein paar Nächten auf dem Friedhof geschah. Was tatsächlich geschah, meine ich.

Die Polizei glaubt natürlich, sie wüsste genau Bescheid. So wie alle in der Schule. Jeder auf der Insel scheint seine eigene Theorie darüber zu haben. Und genau das ist der Unterschied zwischen ihnen und mir: Sie haben Theorien, aber ich weiß, was passiert ist.

Wen kümmert es schon, was Persephone widerfahren ist? Verglichen mit dem, was ich erlebt habe, ist das gar nichts. Tatsächlich hat Persephone sogar Glück gehabt. Ihre Mom ist nämlich gekommen und hat sie rausgeboxt.

Um mich zu retten, kommt keiner. Also hör auf meinen Rat: Was auch immer du tust, blinzle nicht. Niemals.

Meg Cabot, Jenseits, aus dem Englischen übersetzt von Michael Pfingstl, Blanvalet Verlag, München 2013, S. 5.

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Ruben Fleischer: VENOM (2018)

Sony Pictures eröffnet mit VENOM ein eigenes Marvel-Universum, in dem sich Mann und Alien die Titelrolle teilen. Keiner von beiden ist ein Superheld.

Eddie Brock ist ein erfolgreicher Aufdeckungsjournalist, der kurz vor der Hochzeit mit Anne Weying, einer Rechtsanwältin, steht. Als er ein Interview mit dem Firmenmogul Carlton Drake führen soll, nutzt er hinter ihrem Rücken Unterlagen ihrer Kanzlei. Das Interview läuft aus dem Ruder; Eddie und Anne verlieren beide ihre Jobs; er verliert zudem ihre Liebe.

Eddie lebt daraufhin in einer schäbigen Wohnung in einem schäbigen Viertel, findet keine Arbeit und hat weder den Mumm, seinem Krawall-Nachbarn die Meinung zu geigen, noch der Besitzerin seines Stammladens bei einem Überfall zu helfen.

Als eine Wissenschaftlerin aus Drakes Team sich allerdings an Eddie wendet und ihm von weiteren Todesopfern bei Versuchen des Unternehmens berichtet, stürzt sich Eddie in die Fortsetzung seines Kampfes gegen Drake.

Fern von San Francisco macht sich derweil eine außerirdische Lebensform, die mit einer von Drakes Raketen nach einem Absturz in Malaysia gelandet ist, auf den Weg zur Life Foundation, der Firma Drakes. Dazu nimmt sie gnadenlos Besitz von Menschen, die ihren Weg kreuzen, bis sie schließlich auch in San Francisco landet.

Eddie und dieser Alien begegnen sich natürlich. Natürlich steht ihm dabei seine Ex-Verlobte zur Seite, und nein, dieser Alien heißt nicht Venom. Weiterlesen „Ruben Fleischer: VENOM (2018)“

Maaßen halten! Autsch …

Nachdem die SPD-Vorsitzende Nahles um eine Revision der Pläne um die Versetzung Maaßens gebeten hatte, vereinbarten die Koalitionsspitzen Anfang der Woche ein neues Vorgehen:

Die Beförderung zum Staatssekretär ist vom Tisch. Stattdessen wird für Herrn Maaßen nun eine neue Stelle im Innenministerium geschaffen. Hier wird er als Sonderberater  Innenminister Seehofer direkt unterstellt sein. Seine Aufgaben werden im Bereich der Rückführungsabkommen für Flüchtlinge liegen. Seine Besoldungsstufe ändert sich dadurch nicht.

Für Frau Nahles scheint die Situation nun korrigiert, bereinigt zu sein. Nun ja, es gibt schließlich nicht mehr Geld. Und die Position ist auf lange Sicht hin mit weniger Macht und Medienaufmerksamkeit verbunden.

Doch für mich hat es einen schalen Beigeschmack, dass jemand, der als oberster Verfassungsschützer ohne Abstimmung mit der Regierung öffentlich rechtsextreme Hetzjagden anzweifelt, nun für die Abschiebung von Migranten zuständig ist. Egal, wie viel er dabei zu sagen hat. Ihm wird Verantwortung in einem Bereich zugesprochen, in dem er verantwortungslos gehandelt hat. Wenn er berechtigte Zweifel hatte, dann hätte er das mit seinen Chefs besprechen müssen. Dass er das nicht getan hat, ist für diese Chefs anscheinend kein Grund, ihn zu rügen. Dieser Hickhack erscheint eher wie der Versuch, nach außen so zu tun, als maßregelte man ihn, während er zugleich geschützt und seine „Fähigkeiten sinnvoll“ in einem für den Minister so wichtigen Bereich genutzt werden.

Mal sehen, wann und unter welchen Umständen das nächste Mal von ihm zu hören sein wird.

Ma(a)ß(en) halten?

Herrn Seehofers Witz der Woche ist leider ein Witz der gesamten Regierung und nicht witzig.

Erst wird tagelang spekuliert und diskutiert, was mit dem obersten Verfassungsschützer der Republik nach seinen Äußerungen zu den gewaltsamen Vorgängen in Chemnitz geschehen soll. Dann wird er als Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz abgesetzt. Wobei, stimmt diese Wortwahl eigentlich? Weder auf der Internetseite des Bundesinnenministeriums noch auf der des Verfassungsschutzes ist die Rede von den Ereignissen dieser Woche. Das BMI veröffenlichte am 13. September lediglich die Rede Herrn Seehofers, in der er sich vor dem Bundestag hinter Herrn Maaßen stellte, ihm sein Vertrauen aussprach. Und weil er ihn so schätzt und ihm so vertraut, ist es geradezu verständlich, dass er ihn zum Staatssekretär im BMI beförderte.

Dass er in einer solchen Position auch noch mehr verdienen wird, war anschließend überall in den Medien zu hören. Klar war auch, dass die SPD mit dieser Beförderung nicht zufrieden ist. Wäre es zum Koalitionsbruch gekommen, hätte die SPD sich gegen diese Belobigung Maaßens gewehrt, der doch eigentlich gerügt werden sollte? Wenn nicht, was bringt der Regierung dann diese Beförderung? Wenn doch, wozu dann noch die Zusammenarbeit? Wenn man ständig mit einem möglichen Bruch drohen muss, dann ist das eine Zwangsverbindung, die nur wenig Gutes hervorbringen kann. Die Regierung macht sich zur Geisel ihrer eigenen Überzeugungen und Strategien. Von einer Eskalation zur nächsten wankend kann sie das wohl nicht auf Dauer durchhalten, ohne noch größere Fehler zu begehen.

Und: Wie gut kann einer in seinem Job, in seiner Qualifikation sein, dass er aus seiner staatstragenden Position heraus erst so etwas scheinbar Unbedachtes äußert und dann dafür eine Stelle mit höheren Bezügen erhält? Mangelt es an qualifizierterem Personal? Oder sind das einfach nur weitere Machtspielchen? Desillusionierend, enttäuschend, gar abstoßend wirkt dieses Vorgehen auf mich.

Update: Frau Nahles bittet in einem Brief darum, die Causa Maaßen noch einmal neu zu diskutieren. Mal sehen, wie diese Woche endet.

Jasmine Guillory: The Wedding Date

Die letzten drei Romane habe ich gelesen, während ich krankgemeldet dem Sommer beim Abschied aus diesem Jahr zusehen muss. Ich frage mich manchmal, ob die Qualität meiner Lektüreauswahl mit der Anzahl meiner aktiv zu gebrauchenden Gehirnzellen sinkt. Und ob ich mich deswegen schämen sollte, ob ich verschweigen sollte, was ich so lese.

Nö. Weiterlesen „Jasmine Guillory: The Wedding Date“

Elly Blake: Frostblood

I offered my hand to the fire.

Sparks leaped from the hearth and settled onto my fingers, heat drawn to heat, and glittered like molten gems against my skin. With my free hand, I pulled a bucket of melting snow closer and edged forward my knees, ready to douse myself if the sparks flared into something much larger.

Wich is exactly what I intended. (S. 3)

Ruby ist ein Feuerblut. Kraft ihrer Gedanken kann sie Feuer erschaffen. Doch da Tempesia, das Land in dem sie mit ihrer Mutter lebt, von einem brutalen Frostkönig regiert wird, müssen die beiden sich bedeckt halten. Dennoch probiert sie ihre Kräfte immer wieder heimlich aus.

Die Folge ist ein Angriff der Frostsoldaten, eine Flucht aus einem Gefängnis und ein Aufenthalt in einem Kloster. Ruby, voller Schuldgefühle, Angst und Wut, lernt zwei Frostkrieger kennen und plant, mit ihnen den König anzugreifen.

In dieser Geschichte um Gegensätze, Angst und Vertrauen geht es auch um die Entwicklung der Protagonistin, um die Entdeckung ihrer Fähigkeiten und Sehnsüchte.

Die Welt aus Eis gerät durch das Feuer in Aufruhr – das ist wohl das Leitmotiv. Nicht neu, aber unterhaltsam ausgeführt. Zwei Helden, die nicht zu mächtig und zugleich mit menschlichen Fehlern versehen sind, ein Bösewicht, mit dem ich Mitleid habe und Fähigkeiten, über die ich auch gern verfügte – schon denke ich an den zweiten Teil.

„You and I are one,“ a ringing voice said, only now it came from within. „Free me, and then we will search for my brother in the fire throne, so that we may achieve the destiny our father laid before us. Daughter of Darkness, be ready for that day. It comes soon.“ (S. 346)

 

Hodder, ab 12 Jahren

 

Minister Seehofers Antwort auf die Migrationsfrage

Der Bundesinnenminister Horst Seehofer lächelt gern, verschmitzt, in sich hineinblickend, als wüsste er die Komik der sich ihm bietenden Situation weit mehr zu schätzen als die restlichen Anwesenden. Als wüsste er einfach mehr. Er wirkt dabei gefestigt, mit sich im Reinen.

Beneidenswert.

Oder doch nur ein Rumpelstilzchen vor der Enttarnung durch die Prinzessin?

Am 6. September 2018 verbalisierte er seine bemerkenswerten Fähigkeiten, seine Weisheit in einem Interview mit der „Rheinischen Post“. Der Aufhänger der Woche ist seitdem das Zitat „Die Migrationsfrage ist die Mutter aller politischen Probleme dieses Landes.“ Jetzt kann er um sein Feuer herumhüpfen, sich die Hände reiben und nach Lust und Laune verschmitzt lächeln, während sich der Rest des Landes zwischen Aufregung und Zustimmung taumelnd den Mund fusselig redet und die Finger wund schreibt.

Einige sahen in dieser Äußerung sofort einen Fingerzeig auf die Kanzlerin, die „Mutti“ – so mache der Bundesinnenminister seine Kanzlerin für diese politischen Probleme verantwortlich. Ich dachte zuerst an die US-Bombe GBU-43 und an Robert Gernhardts  „Sonett vom Versuch eines amerikanischen Pressesprechers, einem irakischen Kind den Krieg zu erklären“. Die Äußerung des Ministers machte mich demnach wütend.

Doch: Ich kannte den Zusammenhang der Äußerung nicht, nicht ihren Entstehungskontext. Also suchte ich danach und las das Interview, aus dem das Zitat stammt.

Michael Bröcker und Eva Quadbeck fragen in dem Interview den Minister nach dem Messerangriff auf Daniel H., der sich am 26. August in Chemnitz ereignete:

RP Einer der mutmaßlichen Täter in Chemnitz war ein abgelehnter Asylbewerber. Hätte man die Tat verhindern können?

Seehofer Leider sieht es so aus, dass einer der mutmaßlichen Täter gar nicht erst hätte einreisen dürfen. Wenn wir die Regelung gehabt hätten, für die ich im Frühsommer scharf kritisiert wurde, wäre der tatverdächtige Iraker nicht ins Land gekommen.

Wunderbar, wenn wir vor ein paar Monaten auf Herrn Seehofer gehört hätten – oder doch nur die Kanzlerin? – dann wäre Daniel H. also nicht durch einen Messerangriff gestorben.

Jetzt aber gibt es ja die Ankerzentren, seine „Regelung“, jetzt kann so etwas nicht mehr geschehen: „Ein Ankerzentrum, wie es sie jetzt gibt, hätte diesen Fall verhindert, weil dieser Mann dort bis zur Abschiebung geblieben wäre.“ Herr Seehofer, der Wissende, der Heilsbringer. Denn er hat „63 Punkte in einem Migrationsplan vorgelegt.“ Es ist nämlich seine Aufgabe, die Migration „zu ordnen und zu steuern.“ Ob er diese Aufgabe erfüllt?

Verantwortlich für die Abschiebung des Tunesiers Sami A. durch NRW und Bochum fühlt er sich zumindest nicht; da spricht der Bundesinnenminister davon, dass der Termin für die Abschiebung „nicht vom Bundesinnenminister festgelegt worden“ sei. So kann man während eines Interviews mal DER Bundesinnenminister schlechthin sein, mal DER DA, der Andere, völlig von sich selbst entkoppelt.

Nach Klärung der Verantwortlichkeiten, der folgenden Feststellung, dass eine europäische Lösung eben schwer zu erreichen sei, kommt die Frage nach den Ursachen für die schlechten Umfragewerte der Union. Mit der Antwort sind wir beim spannendsten Teil der Unterhaltung angelangt:

Seehofer Wir haben erstmals eine Partei rechts der Union, die sich mittelfristig etablieren könnte, ein gespaltenes Land und einen mangelnden Rückhalt der Volksparteien in der Gesellschaft. Glauben Sie, das hat alles nichts mit der Migrationspolitik zu tun?

RP Nicht nur.

Seehofer Natürlich nicht alleine. Aber die Migrationsfrage ist die Mutter aller politischen Probleme in diesem Land. Das sage ich seit drei Jahren.

Kurz auf die Bremse gedrückt: Er sagt das seit drei Jahren. Und er hatte in dieser Zeit etwas zu sagen, sonst wäre er jetzt nicht Bundesinnenminister. Trotzdem hat dieser wissende Mann nichts gegen diese Migrationsfrage tun können.

Weiter geht’s bei der Antowort auf die von ihm selbst gestellte Frage:

Und das bestätigen viele Umfragen, das erlebe ich aber auch in meinen Veranstaltungen. Viele Menschen verbinden jetzt ihre sozialen Sorgen mit der Migrationsfrage.

Jawohl! Wenn viele Menschen das bisher noch nicht getan haben, dann werden sie es spätestens jetzt tun.

Wieder schnell auf die Bremse gedrückt:

RP Sollen diejenigen, die heute schon in den Arbeitsmarkt integriert sind, über eine Stichtagsregelung ein Bleiberecht bekommen?

Seehofer Eine Stichtagsregelung können wir jetzt nicht schaffen, weil wir das Thema der Migration noch nicht gelöst haben.

Herr Bundesinnenminister, die Migration ist nichts, was zu lösen wäre. Die Migration ist ein wesentlicher Aspekt des Menschseins. Wir sind, seit wir uns erhoben haben, auf den Beinen. Die Sesshaftigkeit ist im Übrigen eine recht neue Errungenschaft der Menschheit, bedenkt man die etwa 2 Millionen Jahre Wanderschaft von Gewässer zu Gewässer, stets nach Tierherden suchend. Und nur weil es uns hier oben im Norden in unseren übers Smartphone regulierten Häusern, mit unseren Bioläden, die ich gern aufsuche, so gut geht, heißt es nicht, dass Menschen aus den Ursprungsgebieten der Sesshaftigkeit plötzlich aufhören zu wandern, aufhören, nach dem besten Platz zum Leben zu suchen. Wir wandern alle, manch Einer macht einen Fehler und versteckt sich anschließend eine Weile in den USA. Ein Anderer macht keinen Fehler und muss sich dennoch eine Plane über den Kopf ziehen, um sich vor der Witterung auf seiner Wanderschaft durch Wüsten und Lager, durch „sichere Drittstaaten“ zu schützen.

Lesen wir weiter:

RP Wenn die Migrationsfrage die Mutter aller Probleme ist, aber die Kanzlerin bei der Frage nicht Ihren Vorstellungen folgen will, müssten Sie doch eigentlich zurücktreten?

Seehofer Sie werden mich nicht in Position gegen jemanden bringen.

Nein, das tun sie schon selbst, Herr Seehofer. Und dann reiben Sie sich die Hände, stelle ich mir vor. Sie wollen CSU-Chef bleiben. Sie wollen sich durchsetzen, gegen den „erbitterten Widerstand“. Sie wollen sich profilieren, sich bei den Menschen empfehlen, die ob Ihrer Äußerungen Angst bekommen, die Sie verunsichern und denen Sie einen Sündenbock liefern, während Sie sich zugleich als Heilsbringer präsentieren, als Problemlöser.

Falls die Migrationsfrage „die Mutter aller politischen Probleme des Landes“ ist, gebiert sie dann auch die Fragen nach Nachhaltigkeit und Umweltschutz, nach Verantwortlichkeit in der Diesel-Afffäre? Brachte sie die Fragen nach verlässlicher und qualitativ hochwertiger Kinderbetreuung zur, ich meine, in unsere Welt? Ist sie der Ursprung aller Arbeitslosigkeit in der BRD, der Landflucht im Osten? Dafür machen Sie Migranten verantwortlich? Also ich meine, und Sie meinen ja die Migrationsfrage, die Große, die Böse. Verbergen Sie sich nicht selbst hinter dieser Migrationsfrage? Sie, der bald seit 50 Jahren in der Politik aktiv ist. Und andere Politiker Ihrer Generation. Nein, alle Politiker, die jemals auf diesem Flecken Erde tätig gewesen sind. Halt, ich wollte hier den Römer Caesar anführen, doch der kam nicht so weit hoch, der hatte ja mit den Galliern zu tun, deren Land er wollte. Und weil die Germanen knapp 50 Jahre später ihr Land nicht hergeben wollten, baute man den Limes. Aber das ist eine andere Geschichte, die ihren Höhepunkt in der Völkerwanderung fand. Das war wohl auch so eine Migrationsfrage.

Wenn Sie sich selbst dafür verantwortlich zeichnen, die Migration zu ordnen und zu steuern, dann haben Sie sich übernommen. Denn mit Ihren Äußerungen in diesem Interview und leider auch etliche Male zuvor stiften Sie Unordnung. Sie lenken Angst und Wut und schieben die Verantwortung ab auf einen Wesenszug des Menschen. Sie sprechen von der „Migrationsfrage“ – und wissen doch, dass Ihre Äußerung reduziert werden wird, Sie nehmen das in Kauf, wollen dies gar. Migrationspolitik wie die Ihre kann deshalb als Verursacher von einigen Problemen dieses Landes betrachtet werden.

Vielleicht sind sie also nicht nur ein Rumpelstilzchen, sondern auch der Vater aller politischen Probleme in diesem Land, weil Sie seit drei oder mehr Jahren solche Äußerungen von sich geben. Vielleicht sind Sie auch nur der Vater der Probleme bei der Beantwortung der sogenannten Migrationsfrage.

Oder ein Witzbold. Der letzte von Ihnen zitierte Satz dieses Interviews lässt mich das zumindest annehmen:

„Heute steht sie [die Obergrenze von 200.000 Zuwanderern] im Koalitionsvertrag und keiner regt sich mehr auf.“

 

p. s. War der „Vater aller Bomben“ nicht eine russische Bombe?

Abwesenheitsnotiz

Ich habe seit Anfang April keinen einzigen Beitrag veröffentlicht.

Ich verschwand in einem Meer von Arbeit. Nein, es war kein Haufen. Sondern ein Meer. Die Arbeit umgab mich, riss mich mit, überwältigte mich, gab mir das Gefühl zu ertrinken und trug mich zugleich. Meistens nicht sonderlich sanft. Meistens flog die Welt um mich herum, die Welt außerhalb der Arbeit, einfach an mir vorbei.

Ich las. Obwohl ich arbeitete. Gerade weil ich arbeitete. Wenn auch nicht im Juni. Halt, präziser: Ich las im April und im Mai für mich selbst, im Rausch, einen Roman nach dem anderen. Wieder waren es ausschließlich Jugendromane. Dabei kritzelte ich zuweilen Notizen auf irgendwelche Zettelchen, die kaum noch Platz boten für meine heute kaum noch lesbaren Gedanken.

Ich rezensierte nicht. Ich vermute gar, dass ich ein wenig den Überblick über meine Lektüre verloren habe. Aber noch hege ich den Plan, mich durch meine Notizen und Erinnerungen zu kämpfen und in den kommenden Wochen alle fälligen Rezensionen nachzuholen.

Bis dahin: Walter Benjamin ist in diesem Monat dafür verantwortlich, dass ich trotz Abstinenz regelmäßig Besucher auf dieser Seite habe. Sie kommen aus den USA, aus Großbritannien, Slowenien, der Schweiz und aus der BRD.

In der Hoffnung, euch bei eurer Suche geholfen zu haben, grüßt

Kalliope