Vor acht Tagen

Als sie starb – ich meine den Moment, in dem ihr Leben endete -, saß ich im Lehrerzimmer und sprach über Geburten, darüber, ob man das Geschlecht seines Kindes vor der Geburt wissen will und wie man es ermittelt. Ich schüttelte den Kopf ob der Methoden, die es einem ermöglichen, schon früh zu planen, in welcher Farbe man das Kinderzimmer streicht. Eigentlich erstellte ich gerade einen Bewertungsbogen, dem wandte ich mich mit einem Ohr zur Unterhaltung wieder zu.

Als sie starb, als sie fiel, weil in ihrem Kopf etwas riss, plauderte ich also, statt zu arbeiten.

Als die Notärzte sie zum Krankenhaus brachten – oder waren es nur Sanitäter? -, dachte ich auf dem Heimweg daran, sie endlich wieder anzurufen. Aber weil ich die Worte meines Vaters im Kopf hatte, nach denen ich sie immer nur von unterwegs, immer nur für wenige Minuten anrief, ließ ich es bleiben, verschob es auf später.

Später, als sie im Sterben lag, betrachtete ich ihre sauberen Fingernägel, ihre vom Sturz blaue Zunge, streichelte ihre glatte und zugleich weiche Haut, hielt ihre noch warme Hand, sang ihr Lieder und las ihr Psalmen. Ich betete für sie und küsste ihre Stirn, wie ich es wohl noch nie zuvor getan hatte und nie wieder tun werde. Während sie immer schwerer Luft bekam, weil Wasser ihre Lungen füllte, sagte ich ihr auf Wiedersehen. Aber weil sie im Sterben lag, hörte und spürte sie mich vielleicht nicht mehr.

Als sie zum letzten Mal atmete, schlief ich.

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