Der erste Schnee

Winzige weiße Fäden. Nach wenigen Minuten bilden sie zusammen eine helle, hauchfeine Schicht auf dem Kies, den Autos, dem Rasen.

Ich weiß nicht, wie ihre Winter waren. Ich weiß, dass sie als Kind, zu Beginn der Pubertät, mit ihrer Schwester über die Kartoffelfelder lief und mit und ohne Erlaubnis liegen gebliebene Knollen aufklaubte. Die Mutter machte Suppe daraus, aus Schalen und dem Rest der Kartoffel, aus dem, was eigentlich satt macht. Wenn man genug davon hat.

Die Mutter war nicht immer da. Eine Zeit lang war sie in der Arbeitsarmee, so wie der Vater, der von dort nicht mehr zurückkehrte. Man teilte ihnen später mit, er sei unterwegs gestorben, an einem Bahnhof. Ich denke, sie glaubte noch lange daran, dass er noch lebte.

Kartoffelsuppe aß sie später noch immer gern. Die war nur deutlich nahrhafter. Sie sagte „Kartoffelsupp“ dazu.

Sie muss damals gefroren haben. Ich kann sie mir als Kind nicht vorstellen. Dunkles, welliges Haar, große Augen. Pausbacken, wie später, wird sie nicht gehabt haben. Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie zittert, wie sie sich das Bett mit mehreren Menschen teilt, wie sie nachts das Haus verlässt, um in einen Pferdewagen zu steigen. Wie sie ein Transportschiff betritt, eines, das eigentlich für den Viehtransport gedacht ist. Wie sie dort, noch ohne Angst vor dem Wasser, steht, wie sie vielleicht sieht, wie das andere Schiff untergeht und mit ihm die Deportierten.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein Mensch das alles übersteht und weiterlebt.

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