Wie wir die Welt sehen

Wenn 14-jährige Jungen gar nicht sehen, dass Mädchen und Frauen anders behandelt werden als sie, was hilft es dann, ihnen davon zu erzählen?

Anne Frank schrieb am 13. Juni 1944 in ihr Tagebuch, sie glaube, dass Frauen im Laufe des nächsten Jahrhunderts für ihren Mut und ihre Kraft gewürdigt und bewundert werden. Sie bedauerte, dass Männern als sogenannten Kriegshelden eine Würdigung zuteilwerde, die den Frauen ihrer Zeit verwehrt werde. In einer Klasse, in der ich Deutsch unterrichte, machte ich ihre Kritik zum Inhalt des Unterrichts, als es darum ging, was Anne als Jugendliche kennzeichnet. Eine Schülerin benannte daraufhin Annes Auseinandersetzung mit ihrer Rolle als Mädchen als einen Aspekt.

Auf die Frage, ob Annes Annahme in Bezug auf unsere Zeit sich bewahrheitet hat, antworteten die meisten nur zögerlich mit „Ja“. Die meisten der Mädchen haben den Eindruck, dass Frauen und Männer heute nicht gleichberechtigt sind. Viele der Jungen sagten, dass sie gar nicht gewusst hätten, dass gleichaltrige Mädchen anders behandelt würden als sie selbst. Sie wissen nichts von den Schmerzen, die Frauen beim Kinderkriegen hätten. Von diesen schrieb Anne auch. Die Mädchen waren verwundert, zum Teil verärgert ob dieses fehlenden Wissens ihrer Mitschüler.

Ich befürchtete in dem Moment des Klassengesprächs, dass die Jungen für etwas verantwortlich gemacht werden, für das sie nichts können. Dass ich sie dafür verantwortlich mache. Da rufen dir plötzlich etliche Frauen zu, wie wenig du weißt über das echte Leben, über ihr Leid jeden Monat, über die mickrigen zwei Monate Elternzeit, die ein Mann sich nimmt, über die kleine Rente geschiedener Frauen. Woher sollen sie das alles wissen? Welche Frau erzählt ihrem Sohn von ihren Regelbeschwerden, welche Schwester tut das? Welcher Sohn erinnert sich an die ersten drei Jahre seines Lebens, in denen sich vor allem die Mutter um sein Wohlergehen kümmerte? Welche Großmutter erzählt von ihrer geringen Rente?

Nun mag man einwenden, dass Mädchen zumindest einen Teil dessen auch nicht hören. Aber sie leiden unter ihrer Regel, hören von diesem Leid von ihren Schwestern, ihren Müttern und Freundinnen. Sie hören von ihren Mitschülern, sie dürften nicht mitspielen, weil sie ein Mädchen seien. Sie verlassen das Haus nicht, ohne von ihren Eltern zu hören, dass sie aufpassen sollen.

Wenn 14-jährige Jungen nicht sehen, dass Mädchen anders behandelt werden als sie, dann geht es ihnen gut, es gibt keine Probleme, keine Konflikte dieser Art. Dann ist da keine/r, die/der ihm sagt, was noch immer falsch läuft. Dann lesen sie nicht die richtigen Internetseiten, sehen nicht die richtigen Filme, reden nicht mit den richtigen Leuten. Dann sagen wir ihnen nicht, dass wir Probleme damit haben, wie wir behandelt werden.

Vielleicht dauert es noch ein, zwei Jahre, bis sie die Frauen auf der anderen Seite sehen, bis sie die Grenzen sehen, einfach, weil sie diese Grenzen nun zum ersten Mal überschreiten wollen. Vielleicht sollten mehr Jungen und Mädchen Anne Franks Tagebuch lesen, um sich zu fragen, ob deren Zukunftsvorstellungen wahr geworden sind.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s