Jay Roach: Bombshell (2019)

Das ist keine eigentliche Filmkritik. Ich wäge hier nicht Argumente für und wider die Qualität dieses Films ab. Mal sehen, was das hier dann wird.

Ich erinnere mich an die Worte Trumps: „There was blood coming out of her eyes, blood coming out of her wherever.“

Er sagte sie gegenüber CNN, in seinem Wahlkampf um die Präsidentschaft der USA. Sie schockierten mich, machten mich wütend. Wie konnte so ein Mensch als Präsidentschaftskandidat umjubelt werden? Gerichtet waren diese Worte gegen Megyn Kelly, eine Frau, die es gewagt hatte, seine frauenfeindlichen Äußerungen zum Inhalt einer Fernsehdebatte zu machen. Während ich das Zitat nicht vergaß, verschwand ihr Name aus meiner Erinnerung. Das hat sich mit einem Kinobesuch geändert.

Charlize Theron spielt in „Bombshell“ Megyn Kelly, eine erfolgreiche Moderatorin beim US-amerikanischen TV-Sender Fox News. Ich war irritiert von ihrem veränderten Aussehen auf den Filmplakaten, bis ich verstand, wie sehr man aus der Person Theron die Filmfigur Kelly gemacht hatte. Nicht umsonst gab es für Make-Up und Haare in diesem Film den OSCAR. Diese Figur führt vor allem durch den ersten Teil des Films. Sie stellt freundlich, informierend, ein wenig ironisch den Sender, die Akteure und Verantwortlichen bei Fox und in Rupert Murdochs Imperium vor. Dabei werden die Zuschauer*innen direkt angesprochen. Wir sind schließlich beim Fernsehen. Im Verlauf des Films erfahren wir, dass die Filmfigur Megyn Kelly ein starker Mensch mit einem stabilen Umfeld ist, mit einem liebenden Ehemann, auf dessen Meinung sie setzt, mit einem kritischen und loyalen Mitarbeiter*innenstab. Sie kennt ihre Ziele, sie hat klare Meinungen, sie wägt ab, wann und wie sie diese vertreten soll. Sie wird von Trumps Reaktionen auf ihre Debattenfragen – und denen seiner Anhänger*innen – erschüttert. Und sie sieht nicht immer genau hin.

Ihr Chef Roger Ailes, hier gespielt von John Lithgow (3rd Rock from the Sun, The Crown), schickt sie in den Urlaub, als der Tumult um ihren Konflikt mit Trump zu groß wird. Obwohl ich weiß, was dieser Mann in der Realität tat, denke ich in dem Moment trotzdem, dass er ihr eine Hilfe ist, dass sie sich wohl gut verstehen, dass der Chef sich kümmert. Dieser Gedanke kann sich nicht einnisten, macht aber einiges deutlich: Film ist ein grandioses Medium, das verschiedene Perspektiven zeigen kann; ein Mensch ist immer ein Gemenge von Rollen, von Identitäten; ich bin eine Romantikerin – und ich habe gelernt, Autoritäten zu respektieren. Braves Mädchen.

Nicole Kidman stellt Gretchen Carlson dar, eine Moderatorin, die bei Fox degradiert wurde, weil sie nicht auf die sexuelle Belästigung des CEO Roger Ailes einging. Sie bleibt dennoch beim Sender, bis der ihr kündigt. Das ist für sie der Moment des Angriffs: Sie wehrt sich gegen Ailes‘ Attacken und erstattet Anzeige. Kidman und der Film zeigen Carlson als aufmerksame, engagierte Frau, die bei Sender und Publikum aneckt und dennoch weitermacht: Sie zeigt sich ungeschminkt im Fernsehen, sie spricht sich in ihrer Sendung für ein Verbot des freien Verkaufs von halbautomatischen Waffen aus. Auch sie wird als Familienmensch dargestellt. Ihr Blick ruht immer wieder auf dem ihrer Tochter – ihr soll nicht passieren, was ihrer Mutter geschah, sagt uns der Film.

Weder Carlson noch Kelly sind Menschen, deren politische Ansichten ich insgesamt befürworte. Kellys Äußerung, Jesus Christus sei ein weißer Mensch gewesen, ist lächerlich. Beide Frauen arbeiteten für einen Sender, der Trump unterstützt/e, der Hass schürt/e.

Doch die Welt, in der sie sich bei Fox behaupten mussten, die Erniedrigungen, die sie durchlebten, die wecken Sympathien in mir, Mitgefühl – und Wut.

Margot Robbie spielt Kayla Pospisil, eine Frau, die für den Film erfunden wurde. Sie ist jung, ebenso blond, ehrgeizig und konservativ wie Kelly und Carlson – und naiv. Sie wechselt innerhalb des Senders die Stelle, um so schnell wie möglich vor die Kamera zu kommen. An ihr sehen wir die Veränderungen, die dieser Wunsch (bei diesem Sender?) mit sich bringt: ihr Haar liegt noch besser, ihr Make-Up hebt Augen und Mund deutlicher hervor, ihr Rock rutscht immer höher.

Jemand sagte mir nach seinem Besuch dieses Films, die Figur Kayla bringe dem Film nichts, füge der eigentlich schon brisanten Story nichts hinzu. Ich widerspreche. Schon Kaylas erstes Gespräch mit einem Vorgesetzten, bei dem dieser die Jalousinen schließt, löste Ekel und Furcht in mir aus. Doch als sie dann vor Roger Ailes sitzt, später steht, war ich froh um die Serviette in meiner Hand, an der ich zerren konnte, um nicht laut aufzuschreien ob der Gewalt, die sie mit einem verrutschten Lächeln erlitt. Die sexuellen Übergriffe, die die realen Personen Kelly und Carlson erlebten, werden in diesem Film zitiert, wir hören sie als Widergabe durch die Opfer. Doch was den Frauen in diesem Sender angetan wurde, kurz bevor der Rechtsstreit in die Medien gelangte, wird uns an der fiktiven Figur Pospisil verdeutlicht. Ailes‘ Vergehen werden an ihr visualisiert, wir sehen, was wir nicht sehen sollten, was kein Mensch einem anderen unter Druck zeigen müssen sollte. Sie verkörpert die Gewalt der gezeigten Gegenwart. Sie steht aber auch für die Anklage von Frauen gegenüber Frauen.

Ich weiß, dass es wehtut, dass es dich zerstören kann, wenn dir gesagt wird, du trügest Verantwortung für den Schmerz, den andere erleiden müssen – vor allem, wenn du diesen Schmerz selbst erleidest. Doch dieser Film zeigt nicht nur, was Männer in Machtpositionen Untergebenen antun können. Er verdeutlicht auch, wie unterschiedlich Frauen mit solchen Männern und deren Taten umgehen: Hier werden Frauen gezeigt, die T-Shirts herumreichen, mit denen frau ihre Unterstützung für den Boss zeigen soll. Hier gibt es Anrufe der Ehefrau bei einem Opfer, die um eben jene Unterstützung buhlen. Hier sprechen Frauen Drohungen aus, sie lügen, sie verschleiern. Sie tun das aus Selbstschutz, sie tun das aus Unwissenheit, sie haben ihre Gründe. Doch wenn wir schweigen, dann geht es weiter. Wenn wir den Typen, der lange, nackte Beine im Fernsehen verlangt, um die Quoten hochzutreiben, anstrahlen, dann sagen wir ihm, dass er ruhig so weiter machen kann.

Wenn du dich jetzt angegriffen fühlst, weil auch du lächelst, wenn dein Chef sich wie ein Arschloch verhält, dann sage ich dir: Ich lächle auch, selbst wenn es nur irgendein Kerl ist, wenn ich nicht unfreundlich erscheinen will, wenn ich will, dass der andere sich weiterhin wohlfühlt. Aber was ist mit meinem Gefühl!?! Was ist mit den Mädchen, die nach mir erwachsen werden und immer noch lächeln müssen? Kayla Pospisil stellt diese Frage der von Theron verkörperten Kelly; Kidman stellt sie, wenn sie ihre Filmtochter ansieht, wenn sie darauf hofft, dass andere belästigte Frauen des Senders sich bei ihren Anwält*innen melden.

Menschen tragen Veranwortung – für sich und für andere. Das ist das, was der Film mir mitgibt. Das, und die wiederholte Erkenntnis, wie hilflos wir Frauen noch immer widerlichen Männern ausgeliefert sind – selbst wenn wir in der Öffentlichkeit stehen und diese beeinflussen.

Trotz der verschiedenen Handlungsstränge, die nicht immer die Tiefe zeigen, nach der sich manch*e Zuschauer*in sehnt, trotz des auch plakativen Pathos an einigen Stellen, trotz der unpassenden Klänge zu Beginn des Abspanns halte ich „Bombshell“ für einen gelungenen Film – weil ich den Darsteller*innen ihr Spiel abkaufe, weil ich aufgewühlt wurde, ohne von Emotionen überrollt worden zu sein, weil mein Kopf seitdem nicht loslassen will.

 

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