Andrzej Sapkowski: Der letzte Wunsch

Ja, die Ankündigung, dass Henry Cavill einen mir unbekannten Hexer spielt, hat mich dazu veranlasst, diesen Erzählband zu lesen. ABER: Tatsächlich war mir die Buchreihe schon zuvor auf meinen Streifzügen durch die öffentlichen Bücherhallen begegnet. Nun endlich habe ich den ersten Band dieser Reihe gelesen. UND: Es lohnt sich. Für dich, der du „Krabat“ magst. Oder für dich, dem die von den Gebrüdern Grimm aufgeschriebenen Märchen nicht düster genug sind. Auch du, der du Schwertkämpfe nicht nur am PC ausfichtst, wirst dich an diesem Roman erfreuen.

Der Hexer Geralt geht einer bezahlten, wenn auch von den meisten Menschen mindestens mit Angst beäugten, Tätigkeit nach: Er jagt alles augenscheinlich Unmenschliche – Vampire, Teufel, Waldschrate. Dabei ist er selbst seit seiner Kindheit kein vollständiger Mensch mehr. Das treibt ihn mindestens so um, wie der Versuch, den Leuten zu erklären, dass er kein Auftragsmörder ist.

Auf der Suche nach Arbeit wird Geralt oft mit dem Tode gedroht, er wird unterschätzt, angefleht, seine Moral herausgefordert. Glücklicherweise entpuppt sich dieser zu Beginn der 80er-Jahre in Polen entstandene Held dabei nicht als allmächtiger Macho. Eine Angelschnur darf ihm reißen, die Sehnsucht nach seiner Geliebten darf ihn umtreiben und die Frauen in seinem Leben sind nicht nur allzeit willige Bettgefährtinnen. Vielmehr haben sie ihre eigenen Geschichten, Untiefen und Sehnsüchte, die ich in so einer beliebten Erzähl-Reihe (die zum Computerspiel-Hit wurde) ehrlich gesagt nicht erwartet habe.

Die deutsche Übersetzung liest sich mit Genuss:

Es ging auf den Morgen zu, als sie zu ihm kam. Sie trat sehr vorsichtig ins Zimmer, leise, mit lautlosen Schritten, schwebte durchs Zimmer wie ein Gespenst, wie eine Erscheinung. (S.7)

Eine bildhafte Sprache, die sich der Situation anpasst und dabei einem traditionellen Erzählen – im Sinne eines überlegenen Erzählers – folgt. Natürlich dürfen wir auch mit den Augen des Hexers sehen, doch die Kommentare, die Leitung durch den Er-Erzähler lässt mich an Lagerfeuer und Mittelalter denken, an die dunklen und in meiner romantisch-verklärten Fantasie in der Gemeinschaft verbrachten Zeiten des mündlichen Erzählens denken. Zugleich wird die Handlung nicht linear erzählt, was die Freude noch einmal steigen lässt: Die Episoden von Geralts Kämpfen werden regelhaft abgelöst durch einen Erzählstrang um seine Suche nach… Liebe und Menschlichkeit.

Die Leute […] denken sich gern Ungeheuer und Ungeheuerlichkeiten aus. Sie selbst kommen sich dann weniger ungeheuerlich vor. Wenn sie sich vollaufen lassen, betrügen, stehlen, die Frau mit dem Riemen prügeln, die alte Großmutter hungern lassen, mit der Mistgabel einen in die Falle gerateten Fuchs erstechen oder das letzte Einhorn der Welt mit Pfeilen spicken, stellen sie sich gern vor, dass die Mora, die im Morgengrauen durch die Hütten geht, noch schlimmer ist als sie. Davon wird ihnen etwas leichter ums Herz. Und es lebt sich einfacher. (S. 232)

Ja, Geralt kennt die Menschen. Und Sapkowski allerlei Märchen- und Fabelwesen, wie auch Kant und die Sehnsucht der Menschen nach Liebe und einem eigenen Platz zwischen und bei all diesen ungeheuerlichen Menschen.

Warte nicht bis zum Serienstart im Dezember, greife (noch) nicht zum Computerspiel, sondern zu dem Buch mit dem Medaillon der Zunft der Hexer auf dem Deckel.

 

dtv

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