Anfang der Woche: Erebos

Es beginnt immer nachts. Nachts füttere ich meine Pläne mit Dunkelheit. Wenn es etwas gibt, worüber ich im Übermaß verfüge, so ist es Dunkelheit. Sie ist der Boden, auf dem gedeihen wird, was ich wachsen lassen möchte.

Schon immer hätte ich, vor die Wahl gestellt, die Nacht dem Tag vorgezogen und den Keller dem Garten. Nur nach Sonnenuntergang wagen sich meine verkrüppelten Ideenwesen aus ihren Bunkern, um eisige Luft zu atmen. Sie warten darauf, dass ich ihren missgestalteten Körpern eine eigene groteske Schönheit verleihe. Ein Köder muss schön sein, damit die Beute den Haken erst bemerkt, wenn er tief im Fleisch sitzt. Meine Beute. Fast möchte ich sie umarmen, ohne sie zu kennen. In gewisser Weise werde ich das tun. Wir werden eins sein, in meinem Geist.

Ich muss die Dunkelheit nicht suchen, sie ist immer um mich, ich verströme sie wie meinen Atem. Wie die Ausdünstungen meines Körpers. Mittlerweile meidet man mich, das ist gut. Sie alle schleichen um mich herum, wispernd, unbehaglich, angstvoll. Sie denken, es ist der Gestank, der sie fernhält, doch ich weiß, es ist die Dunkelheit.

Ursula Poznanski, Erebos, Loewe Verlag, Bindlach 2018, S. 5.

 

Kein Hinweis darauf, ob ich es mit einem Prolog oder dem ersten Kapitel zu tun habe. Nur die Schönheit des Dunklen und Hässlichen.

Der Ich-Erzähler, dieses unmenschliche und asoziale Etwas, schwelgt in der Dunkelheit, die er auch produziert und und über die er gebietet. Er zelebriert das Zerstörte, das Gefährliche und Abstoßende, das in der Dunkelheit einer stinkenden Gasse ebenso lauern kann wie in einem einsamen Geist.

Dieses dunkle Ich wirkt einsam und gefährlich, eben auch, weil seine einzigen gewollten Begleiter „Ideenwesen“, „Pläne“ sind – Pläne, die Opfer fordern sollen. Fast liebevoll spricht der Schöpfer des Dunklen von seiner Beute.

Ist es ein Jäger, ein Mörder, der da spricht? Ist es sein Auge, das mich auf dem Buchumschlag anstarrt? Aber es soll hier doch um PC-Spiele gehen, dazu passt auch die Erwähnung des Kellers. Doch wer ist dann die Beute?

Und schon zelebriere ich selbst die Schönheit der Dunkelheit und lese Seite um Seite, um wieder von diesem Ich zu lesen, um seine Identität zu erkennen, um zu verstehen, was dieser Roman will.

 

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