Beratung im kleinen Kreis

11. Oktober 2018, 18.10 Uhr: Im Bundestag soll der Gesetzesentwurf zur Änderung der in das Geburtenregister einzutragenden Angaben zum ersten Mal beraten werden. Federführend ist das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat.

Schulklassen in den Rängen.

Gähnende Leere im Plenum. Ganz vorn, in den ersten Reihen, sitzen ein paar Abgeordnete aus jeder Fraktion. Ein Herr lehnt sich in der ersten Reihe zu seiner Kollegin, seine Umhängetasche lässig über die Schulter geworfen. Es wird auch an anderen Stellen geplaudert.

Der Bundesinnenminister, Herr Seehofer, fehlt.

Ich schäme mich.

Der Entwurf sieht vor, dass sich jede Person bei der Eintragung ihres Geschlechts zwischen divers, weiblich und männlich entscheiden kann. Änderungen nach der Geburt sind möglich. „Divers“ steht für „Varianten der Geschlechtsentwicklung“, wie es im Entwurf heißt. Will man diese Option bei der Eintragung oder Änderung wählen, dann benötigt man laut Entwurf ein ärztliches Attest.

Die Redner der Linken, der Grünen und der FDP beanstanden meines Erachtens zurecht diese Auflage: Wenn du dein Geschlecht offiziell als „divers“ eintragen lassen willst, musst du dich zuvor untersuchen lassen. Das ist diskriminierend. Wenn du mit weiblichen Geschlechtsorganen geboren wirst, deine Eltern „weiblich“ eintragen lassen und du dich zeit deines Lebens als Frau fühlst, dann verlangt von dir niemand einen Besuch beim Arzt. Ebenso verhält es sich bei der Eintragung „männlich“. Wenn du aber als Jugendlicher (ab 14 soll laut Entwurf eine eigenständige Änderung möglich sein) oder auch als Erwachsener „divers“ eintragen lassen möchtest, wo derzeit „männlich“ oder „weiblich“ steht, dann verlangt der Entwurf eine ärztliche Untersuchung. Warum?

Wer will ein anderes als sein tatsächliches Geschlecht in seinen personenstandsrechtlichen Urkunden stehen haben? Frau von Storch (AfD) unterbricht den Redebeitrag des CSU-Abgeordneten Dr. Volker Ullrich mit der Frage nach biologisch männlichen Personen, die ihr Geschlecht bei einem Verzicht auf das Attest dann einfach in „weiblich“ ändern lassen könnten; sie fragt, ob die dann als männliche oder weibliche Sportler an Wettbewerben antreten würden. Wunderbarerweise verweist Herr Dr. Ullrich auf die Unangemessenheit dieser Frage. Erstaunlicherweise, der Entwurf stammt auch von der CSU, meint er, dass über die Art des Nachweises noch gesprochen werden müsste, und verweist dabei auf die mögliche Belastung durch einen Arztbesuch.

Wenn man in einer Welt, die immer noch vor allem bipolar geprägt ist, sich nicht nur männlich oder nur weiblich fühlt, dann sollte einem die Entscheidung, sich als „divers“ eintragen zu lassen, nicht auch noch erschwert werden.

Ich hoffe für uns, die Gesellschaft, in der ich leben möchte, und für den Bundestag, dass seine Mitglieder in den kommenden fünf Sitzungswochen zahlreicher an den Beratungen teilnehmen. Das Bundesverfassungsgericht fordert bis zum Ende des Jahres eine Gesetzesänderung. Es ist zu peinlich, dass es normal ist, wenn nur die Abgeordneten, sie sich interessieren, zu den Beratungen bleiben. Denn das Thema geht alle, auch künftigen Mitglieder der Gesellschaft an. Es erscheint respektlos, wenn die gewählten Vertreter reden oder fehlen, während über die Identität von Menschen und ihrer Anerkennung vor Behörden beraten und später entschieden wird.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s