Anfang der Woche: Paul Vier und die Schröders

Ich weiß noch, es war ein Dienstag, ein Dienstag im Mai. Durch das hohe Verandafenster fielen Sonnenstrahlen auf die mißratene Käsetorte und auf das komplette Service von Bayrisch Blau. Die Luft roch nach Tabakrauch und diversen Parfüms, nach frischem Kaffee und dem bevorstehenden Sommer.

„Ich weiß wirklich nicht, wie das passieren konnte!“ Frau Heinsel schielte verlegen aus dem Sofa heraus auf die Torte, die so flach war wie eine unbelegte Pizza. Dann strich sie nervös über ihr grünes Kleid, in das sie eine Falte gebügelt hatte, wo keine hingehörte.

Der Rest der Runde schwieg teilnehmend. Mams eingeschlossen waren es fünf Kaffeetanten, die sich in unserem Wohnzimmer versammelt hatten. Sie hatten vieles gemeinsam. Abgesehen von einer Vorliebe für Käsekuchen fanden alle Robert Redford total sexy. Alle benutzten den gleichen Weichspüler, und alle hatten denselben Friseur, Herrn Gatzer, der diese unglaublichen Dauerwellen fabrizierte. Außerdem waren sie alle mit Leib und Seele Hausfrauen.

Andreas Steinhöfel, Paul Vier und die Schröders, dtv junior, München 1996, S. 7.

 

Dieser Romanbeginn ist einerseits zeitgebunden: Wir befinden uns zu Beginn der 1990er Jahre. Dauerwellen, Kaffeekränzchen, der sexy Robert Redford und das Rauchen vor dem eigenen Kind, in der eigenen Wohnung, beim Essen sind untrügliche Indizien dafür. Andreas Steinhöfel lässt den jungen Ich-Erzähler die Szenerie anschaulich und mit ironischem Unterton beschreiben. Zusammen mit Paul können wir uns über diese Tanten und ihre Sorgen um Oberflächlichkeiten erheben.

Andererseits ist er zeitlos: Ein Kind beobachtet die Eigentümlichkeiten der Erwachsenen.

Dass diese Erwachsenen mit ihrer engen Weltsicht, ihrer Angst vor dem Anderen nicht nur das Leben ihrer Kinder bedrohen, ist ein Kernthema dieses Jugendromans, den ich unabhängig vom Alter empfehlen kann.

 

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