Anfang der Woche: Wie der Soldat das Grammofon repariert

Wie lange ein Herzstillstand für hundert Meter braucht, wie schwer ein Spinnenleben wiegt, warum mein Trauriger an den grausamen Fluss schreibt und was der Chefgenosse des Unfertigen als Zauberer draufhat

Opa Slavko maß meinen Kopf mit Omas Wäschestrick aus, ich bekam einen Zauberhut, einen spitzen Zauberhut aus Kartonpapier, und Opa Slavko sagte: eigentlich bin ich noch zu jung für so einen Quatsch und du schon zu alt.

Ich bekam einen Zauberhut mit gelben und blauen Sternen, sie zogen gelbe und blaue Schweife, dazu schnippelte ich eine kleine Mondsichel und zwei Dreiecksraketen aus, eine flog Gagarin, die andere Opa Slavko.

Opa, mit dem Hut lasse ich mich nirgendwo blicken!

Das will ich hoffen!

Am Morgen des Tages, an dessen Abend er starb, schnitzte mir Opa Slavko aus einem Ast den Zauberstab und sagte: im Hut und im Stab steckt eine Zauberkraft, trägst du den Hut und schwingst du den Stab, wirst du der mächtigste Fahigkeitenzauberer der blockfreien Staaten sein. Vieles wirst du revolutionieren können, solange es mit den Ideen von Tito konform geht und in Übereinstimmung mit den Statuten des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens steht.

Ich zweifelte an der Zauberei, aber ich hatte keine Zweifel an meinem Opa. Die wertvollste Gabe ist die Erfindung, der größte Reichtum die Fantasie. Merk dir das, Aleksandar, sagte Opa ernst, aIs er mir den Hut aufsetzte, merk dir das und denk dir die Welt schöner aus. Er übergab mir den Stab. Ich zweifelte an nichts mehr.

Saša Stanišić, Wie der Soldat das Grammofon repariert, Luchter Literaturverlag, München 2006, S. 11.

 

Das ist nicht nur ein Anfang der Woche, das ist ein Anfang des Jahres, ein Anfang des Jahrzehnts. Tatsächlich hörte ich diesen Anfang zum ersten Mal vor etwa 11 Jahren; ich hörte ihn, bevor ich ihn selbst las. Saša Stanišić las damals im Rahmen der Koeppentage in Greifswald aus diesem, seinem ersten, Roman vor. Und das Strahlen, das dabei in seiner Stimme und in seinen Augen lag, höre ich und lese ich in den Worten dieses autobiographisch geprägten Werkes. Dieser Roman veränderte meinen Blick auf das Erzählen, meine Erwartungen an kindliche und jugendliche Erzählerfiguren und immer wieder nutze ich ihn, um das Erzählen zu beschreiben, seine Möglichkeiten darzustellen. Wer von fröhlichen und traurigen Erinnerungen eines geflüchteten Jungen, eines das Leben und den Eindruck Feiernden lesen möchte, der hat hier den richtigen Ort gefunden.

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