Anfang der Woche: Amanda herzlos

LUDWIG

Ich glaube, ich verlange nichts Unmögliches, Scheidungen sind nun mal ihrem Wesen nach unangenehm, das darf auch jemand sagen, der noch nie geschieden wurde. Jedenfalls habe ich nicht die Absicht, eine möglichst harmonische Sache daraus zu machen. Ich will nicht verschweigen, daß Amandas Entschluß, sich von mir zu trennen, mich hart getroffen hat, hart und vollkommen unvorbereitet. Ich werde Ihnen später von meinen Versuchen erzählen, sie umzustimmen, es waren nicht sehr viele. Ich habe schnell gespürt, wie sinnlos solche Bemühungen gewesen wären. Natürlich möchte ich die Geschichte ohne großes Blutvergießen hinter mich bringen, verstehen Sie das aber nicht als Bereitschaft, in allen Streitfragen nachzugeben. Eigentlich möchte ich von keiner einzigen meiner Forderungen abrücken, sie sind ohne Ausnahme gerechtfertigt. Ich weiß, was Sie sagen wollen: daß es ein Unterschied ist, ob man sich im Recht fühlt oder ob man recht hat. Ich habe recht. Sie werden sehen, daß wir die besseren Karten in der Hand halten.

Also: Den Wagen möchte ich behalten.

Jurek Becker, Amanda herzlos, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1994, S. 9.

 

Ludwig ist der erste von drei Männern, die von Amanda und ihrer Beziehung mit dieser Frau erzählen. Diesen Roman las ich vor etwa 11 Jahren während meines Studiums und Amanda imponierte mir, während sie gleichzeitig großes Mitleid in mir auslöste. Die Frau fungiert hier als Projektionsfläche der Bedürfnisse der Männer. Dieser Romanbeginn ist gelungen, weil der Erzähler sich uns offenbart: Wir erfahren sofort, ohne Einleitung, wie es ihm geht. Er spricht von einer Situation, die viele kennen, beschreibt Wünsche, die ebenso bekannt sind, und er spricht den Leser direkt an. Ich fühle auch mit Ludwig, der um seine Frau kämpfte, obwohl er das Scheitern seines Versuches schon erwartete. Ich schmunzele über Ludwig, weil sein Selbsterhaltungstrieb so offensichtlich und in dieser Trennungssituation typisch über seinen Gefühlen für seine Frau steht. Er will sie bezwingen.

Lest los, nicht nur der Romananfang ist es wert!

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