Cecilia Ahern: Flawed. Wie perfekt willst du sein?

Nach einer wirtschaftlichen Krise, deren Ursprung in moralischem Fehlverhalten gesehen wird, wird jeglicher gesellschaftlicher Fehler von der Gilde geahndet: Celestine lebt in einer Welt, in der eine Lüge, eine falsche Entscheidung oder eine moralisch bedenkliche Äußerung mit dem faktischen Ausschluss aus der Gesellschaft bestraft wird. Celestine selbst befürwortet die Arbeit dieser Ermittlungsbehörde, sie bewundert ihren obersten Richter, der zugleich der Vater ihres Freundes ist. Sie liebt die Logik, die Einhaltung von Regeln und wird von ihrem Freund als perfekt bezeichnet.

Doch Celestine zeigt in der Öffentlichkeit Mitgefühl gegenüber einem sogenannten Fehlerhaften: Menschen, die für ihren Fehler verurteilt und mit einem Brandmal versehen wurden und nun unter strenger Kontrolle zwar inmitten der Anderen, jedoch nach besonderen Regeln leben müssen. Sie müssen eine Ausgangssperre einhalten, ihnen wird nur selten Luxus erlaubt, ihre Privatsphäre wird permanent durchleuchtet. Celestine, die diese Einschränkungen bisher als richtig erachtete, erkennt in einem Moment den Menschen hinter dem Fehler und wird dafür in einem Schauprozess nicht nur verurteilt, sondern als die fehlerhafteste Person überhaupt markiert.

Cecilia Ahern, die bereits in jungen Jahren als Autorin von Liebesromanen berühmt wurde, zeichnet eine Welt, die der unsrigen nicht unähnlich ist: Die Kinder besuchen Gymnasien, kennen Michael Jackson, nutzen Smartphones. Zugleich handelt es sich um eine Welt nach einem wirtschaftlichen Fiasko, dessen radikale Konsequenzen vor Jahrzehnten das Leben der Menschen völlig umgekrempelt haben: Neben der Justiz und der Polizei waltet ein zusätzliches Organ, das sowohl Recht spricht, als auch dessen Missachtung ahndet. Es nutzt die Medien für seine Zwecke und hat sich lange dem direkten Einfluss der Regierung entzogen.

Diese Welt erscheint mir als Leser wie eine Mahnung: Betrüge die Gesellschaft nicht, sonst wirst du nicht aufsteigen, gar deinen Platz in ihr verlieren. Aber auch: Macht korrumpiert – und keine Instanz der Welt kann dies anscheinend verhindern. Denn auch die Gilde ist nicht gegen Fehler, gegen Korruption gefeit.

Allerdings ist diese Welt nicht überzeugend gezeichnet: Wenn eine solche Ermittlungsbehörde entstehen konnte, müsste die Polizei weit größeren Willen besitzen, ebenfalls für fehlerfreies Handeln zu sorgen. Sie müsste Verhalten stärker sanktionieren, das auf Vetternwirtschaft und Machtmissbrauch hindeutet. Sie müsste sensibilisiert sein, ebenso auch andere Verantwortliche in Politik und Medien. Was heißt außerdem „moralisch fehlerhaftes Verhalten“? Das wirkt oft so vage, indifferent. Vielleicht sollte dies aber auch so sein, um zu zeigen, dass dieses System letztlich wahllos ist und von den Definitionen einzelner lebt. Verwundert hat mich auch, dass die Nachbarländer dieses besonderen Staates nicht eingreifen, ja gar zum Teil überlegen, dieses System auch einzuführen. Denn die Menschenrechte gelten durchaus in dieser literarischen Welt, werden aber von der Gilde ignoriert, wenn zum Beispiel eine falsche Entscheidung zum Verlust des eigenen Kindes führen kann.

Der Romananfang ist äußerst gelungen: Zunächst liest man einen Wörterbucheintrag zum Wort „fehlerhaft“, dann folgt ein aus zwei Sätzen bestehendes Kapitel, das die Ich-Erzählerin Celestine im Kern vorstellt und den Leser direkt anspricht. Der Schreibstil gefällt mir auch; er ist bildreich, ohne abgegriffen zu sein, altersangemessen.

Doch werden leider auch umgangssprachliche Ausdrücke wie „in Urlaub fahren“ verwendet, ohne einen passenden Kontext zu schaffen, und die Kommasetzung ist nicht durchgehend fehlerfrei. Das hätte ich vom Fischer-Verlag nicht erwartet. Ein weiterer editorischer Fehler liegt vor, wenn es erst heißt, die rechte Fußsohle werde bei einem Vergehen gebrandmarkt – und dann wird der linke Fuß verunstaltet.

(SPOILER)

Erzählerisch unausgegoren ist die Beziehung zwischen Celestine und dem Fehlerhaften, den sie vor ihrer Verhandlung kennenlernt: Er ist unglaublich gutaussehend und wird sehr schnell zur emotionalen Stütze für sie – auch ohne dass sie überhaupt miteinander gesprochen hätten. Das hätte ich nachvollziehen können, wenn sie über längere Zeit miteinander Kontakt gehabt hätten, aber hier handelt es sich nur um zwei Tage Blickkontakt und Beobachtung. Sie reagiert aber schon beim ersten Kontakt auf ihn, als habe der Leser gerade ihren Traumann kennengelernt. So wird deutlich, dass die eigentliche Liebe ihres Lebens nur ein erzählerischer Griff ist, er wird kaum noch eine echte Bedeutung für sie haben. Zu schnell meint sie auch zu wissen, was der Fremde will. Das halte ich für schwach erzählt. Dabei haben die Figur und diese Beziehung durchaus Potenzial: Er erscheint ihr wie ein Krieger, seine Reaktionen auf ihr Verhalten beeinflussen es zum Positiven, er hat eine andere Herkunft und damit auch eine andere Sicht auf die Gesellschaft als sie.

Auch Celestine selbst ist als Figur, nun, unausgegoren. Ihr Hang zur Logik und zur sogenannten Perfektion macht sie interessant: Sie analysiert mit Hilfe ihrer Mathe-Affinität die sie umgebende Welt und hört damit auch nach ihrem Sinneswandel nicht auf. Sie ist das mittlere Kind von liebevollen, aber angepassten Eltern, die erst nach und nach verstehen, in was für einer Welt sie leben. Sie reflektiert und liebt, sie fühlt Neid und Sehnsucht. Leider wird sie aber auch als naiv, gar dumm dargestellt, wenn sie von Freunden spricht (S. 304), die sie angeblich unterstützen, obwohl sie eine Woche nach ihrem Urteil allein zu Mittag ist und mit kaum einem Mitschüler spricht. Sie glaubt zusätzlich noch, zu einem Geburtstag eingeladen worden zu sein, und erwartet, dort kaum jemanden zu kennen. Wenn sie so beliebt und perfekt war, wie kommt es dann, dass sie den vermeintlichen Gastgeber so schlecht kennt, dass sie seine Freunde nicht kennt, wenn sie doch dieselbe Schule besuchen? Wie kommt es, dass sie nur eine einzige Freundin mit Namen benennt? Der Hinweis darauf, dass sie seit der wachsenden Freundschaft zum Nachbarsjungen ihre Freunde vernächlassigt habe, erscheint eher wie eine Ausrede für schlechtes Erzählen. Und: Warum zeigt sich in diesem Zusammenhang ihre Logik-Liebe nicht?

Der Hype, der um Celestine entsteht und von dem sie und der Leser vor allem über andere Figuren erfährt, wird sehr schnell zu einer Stilisierung als Aushängeschild einer revolutionären Bewegung. Auch das ist schlecht erzählt; es entwickelt sich nicht, sondern ist so angelegt – und überrascht demnach nicht nur die Hauptfigur. Es klang zuweilen arg pathetisch und dabei abstoßend in seiner offensichtlichen Absicht. Ähnlich erging es mir mit den Merkmalen der Ausgrenzung der „Fehlerhaften“; die realhistorischen Anleihen wirken platt.

Die Idee, die Entwicklung der Journalistin parallel zu der Celestines zu stellen, gefällt mir: Beide glaubten sie an dieses System und verlieren nun ihren Glauben und damit auch ihren eigenen Wunsch nach Perfektion.

Ein unterhaltsamer und alltagsnaher Einfall ist es auch, Celestines private Eindrücke vom Richter zu schildern: Es wird deutlich, dass der private Mann ein anderer als der Mann in der Robe ist. Es wird auch deutlich, dass die Menschen dieser Welt durchaus Fehler machen. Sie betrinken sich, sie sind nicht ständig völlig kontrolliert, sie lassen sich gehen. Doch meiner Ansicht nach passt diese Schilderung nicht zu der sonstigen Charakterisierung des Richters und seiner Funktion in dieser Welt. Wie kann sie außerdem nach nur drei Monaten Beziehung zu seinem Sohn wissen, wie der Richter morgens aussieht, wenn sie den Jungen anscheinend nur auf einer Anhöhe trifft, um traute Zweisamkeit zu zelebrieren? Zudem bezeichnet die Erzählerin ihn nur wenige Seiten später als verbissen – das wiederum passt nicht zu der obigen Schilderung.

Gefreut habe ich mich über die Gelassenheit, mit der Ahern von einer gleichgeschlechtlichen Ehe erzählt: Sie wird nicht als besonders dargestellt, sie ist alltäglich. Auch die Vielfalt der menschlichen Hautfarben ist hier nichts Besonderes. Wir sind mit all unseren Eigenschaften, mit all unserem Sein als Individuen besonders, aber eine literarische Welt, in der die sexuelle Orientierung und das Aussehen nicht Grund für Konflikte ist, eignet sich meiner Meinung nach als Vorbild für unsere reale Welt.

Deshalb kann ich jugendlichen Lesern diesen Roman durchaus empfehlen: Er wirft gesellschaftliche und ethische Fragen auf, seine Handlung enthält spannende Passagen und ist um eine weibliche Heldin zentriert, die eigenverantwortlich handelt. Wer allerdings die Tribute von Panem mochte und Wert auf einen stringenten Handlungsaufbau und glaubwürdige Figuren legt, der kann auf die Lektüre dieses Romans verzichten.

FJB von Fischer, ab 12 Jahren

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