Anfang der Woche: Jenseits

Nicht wird er ruhn, bis er das Thier verbannt;

Er wird es wieder in die Hölle senken,

Von wo’s der erste Neid heraufgesandt.

 

Dante Alighieri, Göttliche Komödie, Erster Gesang

 

Alles kann geschehen innerhalb eines Wimpernschlags. Absolut alles.

Eins.

Zwei.

Drei.

Jetzt.

Ein Mädchen lacht mit seinen Freundinnen.

Plötzlich reißt ein Krater die Erde auf, und heraus schießt ein Mann auf einem pechschwarzen Streitwagen, gebaut in den tiefsten Tiefen der Hölle, gezogen von Hengsten mit flammenden Augen und Hufen aus Stahl. Noch bevor irgendjemand das Mädchen warnen oder das arme Ding wegrennen kann, sind die Hufe schon über ihm.

Das Mädchen lacht nicht mehr. Es schreit.

Doch es ist zu spät. Der Mann beugt sich aus seinem Streitwagen, packt das Mädchen an den Hüften und zerrt es mit sich hinunter, zurück in den Krater.

Das Leben des Mädchens wird nie wieder so sein, wie es vorher war.

Trotzdem braucht man sich um sie keine Sorgen zu machen; sie ist nur eine Figur aus einem Buch. Ihr Name war Persephone, und mit der Geschichte, wie Hades, der Gott der Toten, sie in die Unterwelt entführt, erklärten die alten Griechen sich den Wechsel der Jahreszeiten. Heute nennt man so etwas einen Ursprungsmythos.

Was mir passiert ist, ist allerdings kein Mythos.

Wenn mir noch vor ein paar Tagen jemand eine Geschichte von einem Mädchen erzählt hätte, das jedes Jahr von einem Kerl für sechs Monate in seinen Unterweltpalast entführt wird, hätte ich nur gelacht.

Du glaubst, Persephone hatte Probleme? Ich sage dir, wer Probleme hat: ich. Und zwar viel größere als sie. Vor allem nach dem, was vor ein paar Nächten auf dem Friedhof geschah. Was tatsächlich geschah, meine ich.

Die Polizei glaubt natürlich, sie wüsste genau Bescheid. So wie alle in der Schule. Jeder auf der Insel scheint seine eigene Theorie darüber zu haben. Und genau das ist der Unterschied zwischen ihnen und mir: Sie haben Theorien, aber ich weiß, was passiert ist.

Wen kümmert es schon, was Persephone widerfahren ist? Verglichen mit dem, was ich erlebt habe, ist das gar nichts. Tatsächlich hat Persephone sogar Glück gehabt. Ihre Mom ist nämlich gekommen und hat sie rausgeboxt.

Um mich zu retten, kommt keiner. Also hör auf meinen Rat: Was auch immer du tust, blinzle nicht. Niemals.

Meg Cabot, Jenseits, aus dem Englischen übersetzt von Michael Pfingstl, Blanvalet Verlag, München 2013, S. 5.

Erster Gedanke: Schon wieder Zitate zu Beginn eines Kapitels. Ach nööö. Das hat schon Cornelia Funke in ihrer „Tintenherz“-Reihe übertrieben. Doch die Sprache, die Intensität der Aussagen, ihre Verbindung zur Romanhandlung und die Tatsache, dass Meg Cabot bei diesem einen Werk bleibt, rettet diese Zitate. Zweiter Gedanke: Zeitdeckendes Erzählen, oder zumindest der Ansatz dessen und die passende Textsatzung. Jap, Cabot, du hast mich.

Es folgt eine idyllische, alltägliche Szene, die in eine mythische Episode mündet, die nicht nur Leseschwärmer kennen. Diese wird kommentiert von einer Erzählerin, die suggeriert, ihre Geschichte sei im Gegensatz zu der der Persephone keine Fiktion. Wie vermessen, größenwahnsinnig! Was muss sie denn erlebt haben, um das behaupten zu können? Los, wahre Geschichte, entführe mich!

Eine personale Ich-Erzählerin, die mich, den Leser, direkt anspricht, die an mein literarisches Wissen anknüpft (intertextuelle Bezüge zur antiken Mythologie sind nicht erst seit „Percy Jackson“ beliebt in der (Jugend-)Literatur), die mir ein wenig Angst macht (Gruselfaktoren: Entführer aus der Unterwelt, ein Friedhof), die ihre Probleme nur andeutet (ohne Probleme keine Story), die noch zur Schule geht (tatsächlich fand ich den Roman nicht in der Jugendabteilung, da gehört er aber hin) und die immer wieder im Präsens spricht – das passt zu ihrem Appell und erweckt den Endruck von Allgemeingültigkeit und Unmittelbarkeit. Dass Meg Cabot, die ich als Autorin der „Princess Diaries“-Reihe und eines Liebesromanes kenne, hier auch noch das Blinzeln als Rahmen für den Anfang und als Motiv für die Plötzlichkeit der Veränderungen in unserem Leben, für die Gefahr, die hinter der Unaufmerksamkeit lauert, nutzt, ist mir eine Lesefreude. Nach den ersten Absätzen erwartete ich einen allwissenden Erzähler, zumindest für eine Weile. Das ist aber eine für dieses Genre unerfüllte Hoffnung, vielleicht auch heute nicht mehr erfüllend.

Ich hätte den Anfang gern auf Englisch gelesen – Meg Cabots komische Sprache hätte dann vielleicht noch stärker gewirkt. Leider löst der Roman die Versprechen des Anfangs nicht vollständig ein. Die Reihe schwächelt dann gar. Doch der Zauber dieses Anfangs wirkt auch beim mehrmaligen Lesen.

 

 

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