Ruben Fleischer: VENOM (2018)

Sony Pictures eröffnet mit VENOM ein eigenes Marvel-Universum, in dem sich Mann und Alien die Titelrolle teilen. Keiner von beiden ist ein Superheld.

Eddie Brock ist ein erfolgreicher Aufdeckungsjournalist, der kurz vor der Hochzeit mit Anne Weying, einer Rechtsanwältin, steht. Als er ein Interview mit dem Firmenmogul Carlton Drake führen soll, nutzt er hinter ihrem Rücken Unterlagen ihrer Kanzlei. Das Interview läuft aus dem Ruder; Eddie und Anne verlieren beide ihre Jobs; er verliert zudem ihre Liebe.

Eddie lebt daraufhin in einer schäbigen Wohnung in einem schäbigen Viertel, findet keine Arbeit und hat weder den Mumm, seinem Krawall-Nachbarn die Meinung zu geigen, noch der Besitzerin seines Stammladens bei einem Überfall zu helfen.

Als eine Wissenschaftlerin aus Drakes Team sich allerdings an Eddie wendet und ihm von weiteren Todesopfern bei Versuchen des Unternehmens berichtet, stürzt sich Eddie in die Fortsetzung seines Kampfes gegen Drake.

Fern von San Francisco macht sich derweil eine außerirdische Lebensform, die mit einer von Drakes Raketen nach einem Absturz in Malaysia gelandet ist, auf den Weg zur Life Foundation, der Firma Drakes. Dazu nimmt sie gnadenlos Besitz von Menschen, die ihren Weg kreuzen, bis sie schließlich auch in San Francisco landet.

Eddie und dieser Alien begegnen sich natürlich. Natürlich steht ihm dabei seine Ex-Verlobte zur Seite, und nein, dieser Alien heißt nicht Venom.

Tom Hardy ist ein unterhaltsamer Eddie. Obwohl ich mir aufgrund anderer von ihm verkörperten Figuren und seiner physischen Präsenz kaum vorstellen kann, dass er nicht eingreift, wenn ein Mann vor seinen Augen einer Verkäuferin eine Waffe an die Stirn hält, gelingt es Hardy, gebrochen und mit unterdrücktem Zorn durch die Szenen nach der Trennung zu gehen. Zudem ist Eddie, leider erst nach der Symbiose mit Venom, sehr höflich und das und seine flapsigen Gespräche mit Venom sorgen für viele Lacher. Hardys Gesicht spricht in diesen Situationen die passenden Bände. Auch die körperliche Besessenheit stellt er glaubwürdig dar; die Szene im Restaurant ist deshalb ein Genuss. Ich hätte mir allerdings eine stärkere Zerrissenheit Eddies gewünscht, ein paar Szenen, in denen er sich auch körperlich gegen Venom zur Wehr setzt. Das allerdings ist nicht Hardy anzukreiden. Auch die Unglaubwürdigkeit eines engagierten und knallharten Journalisten, der auch Verrat nicht scheut, um das Böse aufzudecken, aber nichts tut, um das Vertrauen seiner Ex-Verlobten wiederzugewinnen, der sich duckt, wenn es heißt, sich groß zu machen, liegt in der Verantwortung des ZOMBIELAND-Regisseurs und der Autoren.

Venom ist düster, schleimig, gewalttätig, blutrünstig – alles, was nötig ist, um ihn zu fürchten. Zugleich ist er allerdings zu schnell von Eddie, San Francisco und Anne angetan. Das führt zwar zu lustigen Dialogen, aber auch zu einer nicht nachvollziehbaren Handlung. Da ist einfach zu schnell zu viel Liebe und Vertrauen im Spiel: Welcher Bösewicht verrät sonst so schnell seine Schwachstellen, es sei denn, er ist liebeskrank, bescheuert oder schlecht geschrieben?

Anne dagegen hat zu wenig Liebe für Eddie. Der Film kann nicht vermitteln, warum sie ihn so schnell, so kaltblütig verlässt. Und warum sie ihm anschließend wieder so schnell vertraut, obwohl sie gerade mitangesehen hat, dass er als Venom einem Mann den Kopf abgebissen hat. Obwohl ich Michelle Williams sonst als Schauspielerin bewundere, hat mich ihre Frisur ebenso wie in „The Greatest Showman“ immer wieder verwirrt. Trug sie bei den Dreharbeiten eine schlechte Perücke? Manche ihrer Sätze halfen ihr auch nicht gerade beim glaubwürdigen Spielen.

Riz Ahmed als Drake ist richtig schön böse: eiskalt, nur von seiner Vision geleitet, ein Rattenfänger und Redetalent. Seine Physis unterstützt die mentale Gefahr, die von dieser Figur ausgeht. Ja, die Figur ist platt. Aber da die Venom-Eddie-Symbiose im Prinzip genug Raum für charakterliche Schattierungen bietet, kann Drake ruhig einfach böse sein. Ich hoffe, solche Wissenschaftler bleiben ein fiktionales Produkt.

Dass dem Film Szenen fehlen, die eine Freigabe ab 12 verhindert hätten, ist ihm leider auch anzusehen. Wobei er brutal genug ist, um sich zu fragen, ob 12-Jährige ihn überhaupt sehen sollten.

Ich selbst habe die Comics nicht gelesen, kenne Venom nur aus einer Spiderman-Zeichentrickserie und dem dritten Teil der Tobey-Maguire-Reihe (2007), doch ein paar Einblicke in Kindheit und Jugend der Figur hätten ihr und der Beziehung zu Anne mehr Tiefe verliehen.

Ein Antiheld, der glaubt, es sei in Ordnung, den „Bösen“ die Köpfe abzureißen und sie zu essen; eine Handlung, die zielorientiert, aber oft unglaubwürdig vonstatten geht; der Beginn eines Sony-Marvel-Erzählzweigs, der Potential hat, aber mächtig aufholen muss, um an die MCU*-Filme heranzukommen und zwei Gründe, um länger sitzen zu bleiben – dieser Film ist zwar recht unterhaltsam, aber eher seicht, unausgegoren und zu schnell erzählt.

 

*MCU= Marvel Cinematic Universe. Die Filme dieses Universums werden seit IRON MAN (2008) von Marvel selbst produziert. Dazu gehören die THOR-, CAPTAIN-AMERICA-, AVENGERS- und GUARDIANS-OF-THE-GALAXY-Filme und der von Tom Holland verkörperte SPIDER-MAN (in Koproduktion mit Sony). Zuvor hatte Marvel an verschiedene Studios nur Lizenzen vergeben. So entstanden die X-MEN-Filme (20th Century Fox), die SPIDER-MAN-Reihe und die AMAZING-SPIDER-MAN-Reihe (beide Sony).

 

 

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