Anfang der Woche: Schneeriese

Kapitel 1

Stell es dir so vor, würde er sagen, falls jemand aus einer Beschreibung bestünde, irgendwas Handfestem vielleicht, das die Sachlage einigermaßen erklärte. Stell dir das Meer vor, würde er sagen, ganz ungefähr nur, circa. So, dass es in etwa hinkommt. Kein übertriebenes Meer, keins, das für Postkarten oder Reiseführer taugen würde, viel schöner. Denk dir das Wasser hell und nur am Saum nächtlich blau, komm, denk es dir warm und zerzaust, pfeif auf den Winter und schau es dir an, dieses Meer, ein paar Fischer kämmen es mit morschen Booten, überall schwimmen Möwenschatten und ganz vorn, wo es flach ist, planschen Kinder, dicke Männer lassen Steine springen auf und auf und auf, und alles ist ganz still, alles ist ganz laut, versuch es zu sehen, versuch’s, würde er sagen mit aller Kraft, wenn er bloß wüsste wie, stell dir vor, wie die Möwen schreien über ihren Schatten über dem Meer, denk, wie jedes Gewitter abprallt und wie der Regen einen Bogen macht um dieses Meer, stell es dir ziemlich genau vor. So, würde er sagen, wenn jemand eine Erklärung verlangte – irgendwas Handfestes vielleicht –, so und kein bisschen anders sind die Augen von Stella Maraun.

 

Susan Kreller, Schneeriese, Carlsen, Hamburg 2014, S. 9.

 

Eine Seite, ein Kapitel für die Beschreibung der Augen der weiblichen Hauptfigur dieses Romans. Mittendrin in dieser Beschreibung, die aus Gedankenfetzen zu bestehen scheint, ein Satz voller Lärm und Stille, voller Bilder und Sehnsucht, voller Sommer in einer Geschichte, die vor allem im Winter spielt.

Obwohl der personale Erzähler den Konjunktiv II verwendet, meint, diese Augen nicht beschreiben zu können, tut er es doch, in so kräftigen sprachlichen Bildern, dass meine eigene Sehnsucht wächst. Adrians Liebe zu Stella ist so offensichtlich, dass es wehtut, ihm zu lauschen, ihm zu folgen.

Dieser Roman erinnert daran, wie verletzlich wir Menschen sind, wie zerbrechlich und angreifbar unsere Beziehungen sind, egal, wie alt wir sind. Nicht nur der Anfang drängt zum mehrmaligen, genauen Lesen, das Wehmut und Mitgefühl auslöst.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s