Francis Lawrence: RED SPARROW (2018)

Vorab: Guckt euch keine Trailer an, lest nicht zu viel zu diesem Film. Geht hin, wenn euch das Plakat aufmerksam gemacht hat und die ersten Absätze dieser Rezension eure Neugier weiter wecken.

In diesem Agententhriller ist der Kalte Krieg so lebendig, dass erst die von den Figuren benutzten Smartphones den Zuschauer darauf hinweisen, dass die Handlung nicht in den 80er Jahren spielt.

Francis Lawrence erzählt die Geschichte der Primaballerina Dominika, die mit ihrer kranken Mutter in einer vom Bolschoi-Theater gesponserten Wohnung lebt. Das Drehbuch stammt vom Autor der gleichnamigen Romanvorlage, vom ehemaligen CIA-Agenten Jason Matthews. Moskau ist grau, die Wohnungen ebenso dunkel, die Hauptfigur ist immer gut gekleidet. Dominika geht es gut.

Irgendwo in ihrer Nähe macht der CIA-Agent Nate einen Fehler, der dazu führt, dass er Moskau und seinen russischen Schützling und Informanten verlassen muss. Nate geht es nicht gut.

(Achtung: SPOILER)

Der erste Höhepunkt dieses Films ist erschreckend und damit grandios. Nur das Tanzen selbst wollte mich nicht vollständig überzeugen. Es wirkte so gekonnt, dass ich mich fragte, wie Jennifer Lawrence das in so kurzer Zeit gelernt haben soll. Ich ziehe selbst eine computergestützte Zusammenfügung ihres Torsos mit den Beinen einer echten Ballerina in Betracht. Nach dem ersten Schock  geht es mit einer Aktion Dominikas weiter, die einerseits zeigt, wozu sie fähig ist, und andererseits deutlich macht, dass die Filmemacher generell keine Angst vor Brutalität haben.

Das Russlandbild, das in diesem Film gezeigt wird, wirkt veraltet, zu düster, zu altmodisch. Zugleich erkenne ich Moskau und die Wohnungseinrichtungen, die Düsternis auch als eine der aktuellen Facetten Moskaus. Das Militär und der russische Geheimdienst, ihre Ausbildungsmethoden sind so bizarr und brutal, dass man hoffen möchte, der Film erzähle eine Gruselgeschichte, nicht von der Realität. Insgesamt habe ich mich dieser Weltkonzeption hingegeben, denn sie ist gut geeignet für die Story.

Denn nicht nur Dominikas Auftraggeber sind hart und brutal, auch sie selbst und Teile ihrer Familie sind es: Jennifer Lawrence zeigt eine kontrollierte und zielstrebige junge Frau, die Schicksalschlägen tatkräftig entgegentritt, die Überzeugungen hat, die sie dehnen kann, die ihre Mutter liebt, für die sie letztendlich alles tun würde. Ihr Körper ist dabei ein Mittel zum Zweck; immer mehr verliert er seine Unantastbarkeit.

Ihr Gegner Nate (Joel Edgerton) ist von seiner Aufgabe überzeugt und um seine Verbindungsleute besorgt; ein positiver Held, intelligent, wehrhaft. Seine Leute erscheinen manipulativ und zuweilen naiv, wenn es zum Beispiel um die Absicherung einer Falle für den Feind geht. Insgesamt kommen die US-Amerikaner hier aber – so bleibt man in der typischen Motivwelt der Agentenfilme zum Kalten Krieg  – besser weg als ihre russischen Kontrahenten.

Aus deren Mitte stechen für mich Dominikas Onkel, gespielt vom belgischen Schauspieler Matthias Schoenaerts, und die Ausbildungsleiterin der Sparrows, die von Charlotte Rampling dargestellt wird, hervor. Er ist jung, mächtig, schmierig, kommt seiner Nichte schon früh zu nah und ist doch nicht einfach nur böse. Sie ist kalt, in jeder widerlichen Situation professionell. Überzeugende Darstellung beider Akteure.

Erzählerisch gelungen ist die Ungewissheit um den Charakter Nates: Immer wieder fragte ich mich, ob er sie nicht doch verraten wird. Auch Dominikas Ziele bleiben meist verborgen. Manchmal fragte ich mich allerdings auch, ob es den Filmverantwortlichen nur nicht gelang, ihre Figuren und deren Motive klar zu umreißen.

Die musikalische Untermalung des Films ist gelungen: Nur dort, wo es nötig wird, drängt sich die Musik in den Vordergrund, wird gar zum Kommunikationsmittel der Figuren und gibt ihrer Beziehung Tiefe.

Genug des Lobes:

Warum um Himmels Willen entschied man sich dafür, die Schauspieler einen russischen Akzent erlernen zu lassen, warum sprechen die russischen Charaktere mit einem russischen Akzent??? Selbst wenn Dominika mit ihrer Mutter spricht, wenn sie mit ihren Auftraggebern spricht – alles in einem abstrusen, unerklärlichen Akzent. Ich ließ mir sagen, an so etwas sei das US-amerikanische Publikum gewöhnt. Man hätte die Figuren einfach Englisch sprechen lassen sollen; vielleicht mit ein paar untertitelten emotionalen Passagen auf Russisch.

Unglaubwürdig ist das Vorgehen des CIA im Zusammenhang der Aufdeckung einer Informantin für die Russen – wenn die in Wirklichkeit so unkontrolliert und unprofessionell agieren, dann sind große Probleme in der Welt vorprogrammiert.

Auch die Erschießung des Maulwurfs noch am Übergabeort ist nicht glaubwürdig: Damit löst Russland doch einen diplomatischen Eklat aus. Da Nate den Tod kurz zuvor schon voraussagt, hätte man es bei der Übergabe belassen können. Der Zuschauer kann mit Leerstellen besser umgehen als mit übertriebener Zurschaustellung von Gewalt, die der Geschichte nicht weiterhilft.

Mein größtes Problem mit diesem Film ist jedoch die Reduzierung der Hauptfigur auf ihre Rolle als Objekt. Ja, die Handlung basiert auf dem Gedanken, dass ein Mensch einen anderen manipulieren kann, wenn er dessen Begierden, dessen Begehr kennt und diese Wünsche erfüllt. Doch gerade vom Regisseur und von der Hauptdarstellerin hätte ich erwartet, dass sie dieser Figur noch andere Facetten geben. Auch, um sich zu positionieren, um einen Menschen zu porträtieren, nicht einen Typus, nicht eine Wunschvorstellung, sondern um eine starke Frau zu zeigen. Das ist den beiden in der „Tribute-von-Panem“-Reihe auch gelungen. Hier aber ist Dominika immer ein Objekt: Wenn sie sich vor ihrer Ausbildungsklasse ausziehen muss, wenn sie es schließlich tut, um ihr Können zu beweisen, wenn sie in jeder Szene perfekt und zum Anlass passend gekleidet ist, wenn sie privat Sex hat. Ja, das sind die Szenen, die mich erschütterten: Sie und Nate kommen sich näher, erzählen einander  – kalkuliert – Geheimnisse, doch anstatt Dominika als Menschen zu zeigen, der Nähe sucht, setzt sie sich auf seinen Schoß und der Sex beginnt. Nate, der doch der Gute sein soll, tröstet sie nicht einmal, nachdem sie gefoltert wurde. Nein, auch hier spreizt sie nach nur wenigen Momenten auf der Küchenzeile ihre Beine für ihn. Sie ist immer ein sexuelles Wesen. Sie wird immer von allen Seiten für ihre Zwecke eingesetzt, muss gehorchen oder Gewalt erfahren. Die Szenen mit der Mutter bleiben dabei Ausnahmen, die jedoch recht kühl daherkommen. Dass sie eigenständig handeln kann, wird deutlich, doch auch in diesen Situationen nutzt sie ihren Körper, um zum Ziel zu kommen.

Die Brutalität der Figuren, die düstere Szenerie, die Erzählung von einem noch immer stark menschenverachtenden russischen Militär haben mich geschockt, aber überzeugt. Der russische Akzent und die Eindimensionalität der Hauptfigur und des Umgangs der anderen Figuren mit dieser – ihre Konzentration auf ein sexuelles Objekt – haben mich dagegen gegen diesen Film aufgebracht.

 

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