Alexa Hennig von Lange: Ach wie gut, dass niemand weiß …

Sina ist die 17-jährige Tochter eines gebildeten und wohlhabenden Ehepaares, die gerade unter der Trennung von ihrem Freund leidet, der sie in den Sommerferien mit einer Anderen betrog. Ihre Freundinnen versuchen, sie eines Abends mit einem Besuch in einem Schnellrestaurant abzulenken. Dort lernt sie nicht nur einen Jungen kennen, sondern gerät auch noch in einen Überfall. Sinas Welt und ihre Weltanschauung verändert sich durch diesen Vorfall: Äußerlichkeiten verlieren an Bedeutung, ebenso auch gewohnte Regeln und soziale Grenzen. Auch ihre Freundschaften und ihre Familie erfahren einen Wandel.

Ich griff zu diesem Roman, weil ich von Alexa Hennig von Lange mehr erwartete; mehr als Klischee, mehr Tiefe, mehr Reichhaltigkeit. Sie ist eine der Autorinnen der sogenannten „Popliteratur“ und hatte vor etwa 10 Jahren eine Kolumne in einem Studentenblatt, die ich hin und wieder las.

Ihrer Sprache merkt man die Schreiberfahrung an: Ihre Sätze sind klar, sie scheut keine Satzgefüge, die nicht nur grammatisch treffend ausgeführt sind. Dieser Roman enthält gar wunderschöne Sätze mit Tiefgang:

„Und streng genommen, muss man doch denjenigen fragen, in dessen Leben man tritt, ob man da überhaupt reinpasst.“ (S. 80) Sina reflektiert hier über Noahs ‚Eindringen‘ in ihr Leben.

Er wiederum meint an anderer Stelle: „Es ist doch seltsam, dass Betrügen nicht bestraft wird […]“ (S. 85), und vergleicht dies mit nach dem Gesetz her strafbaren Handlungen wie Diebstahl. Auch seine Überzeugung davon, dass man für seine Freundin Verantwortung trage, dass man auf sie aufpasse, damit ihr nichts passiere (S. 84), macht ihn sympathisch und verleiht dem Roman etwas Gehalt.

Nach ihrem Kennenlernen spricht er recht schnell mit ihr, sucht ihre Nähe, stößt sie also nicht von sich, wie es die Badboys in Jugendromanen sonst tun.

Die Familie ist hier nicht nur ein Hintergrund, sondern Teil der Story, auch wenn sich die Gefühle der Hauptfigur in Bezug auf diese gar zu schnell ändern und mehr nach erwachsener Frau/Mutter denn nach Mädchen klingen.

Insgesamt sind die Hauptfiguren zu glatt und zu platt gezeichnet. Sie ist wieder 17, er ein in eine Badboy-Verkleidung gehüllter gebildeter und heißer Kerl. Bei Attributen wie diesen musste ich innerlich würgen: ebenmäßiges Gesicht, muskulöse Arme, dichte Wimpern, sanfte Stimme und kräftiger Griff. Und damit sind wir erst auf der achten (!!!) Seite des Romans. Die Autorin will von einer Liebe zwischen den sozialen Schichten schreiben, doch auch wenn der Badboy Motorrad fährt, Häuser ausraubt, meist eine blaue Handwerkerhose trägt und im sozialen Brennpunkt wohnt, liebte er in der Schule Deutsch und Kunst, ist freundlich, hat die besten Ansichten zu Beziehungen und will sein Leben nach einem Treffen mit der Protagonistin von Grund auf ändern.

Sina verliebt sich in einen Kerl, der sie in ein Gebüsch zerrt und sie nachts ohne Vorwarnung in ihrem Zimmer aufsucht. Und mit ihrem Exfreund will sie befreundet bleiben – nachdem er sie betrogen hat und sie anschließend noch zum Sex hat überreden wollen. Mich wundert, dass Hennig von Lange so etwas schreibt, da sie doch selbst Mutter von pubertierenden Kindern ist.

Sinas Gedanken bilden sich zum Teil zu früh – sie ahnt die Veränderung in ihrem Leben schon vier Mal, bevor überhaupt irgendetwas ins Rollen kommt. Oder sie sind zu tiefsinnig für eine 17-Jährige, die noch mittendrin in der Veränderung steckt.

Der Plot ist unglaubwürdig – Liebe nach zwei Treffen, beinah gefährlich für unerfahrene Leser – der erste Sex findet rasch und ohne irgendeinen Hinweis auf Verhütung statt, und vor allem ist er am Ende zu sehr auf Spannung konzipiert. Warum Noah sie zu seinem Lieblingsplatz bringt oder überhaupt etwas zu beichten haben muss, erschließt sich nicht. Der einzige Grund ist noch ein Aufreger, damit es am Ende eine noch größere Versöhnung geben kann.

Der Name und das Renommee der Autorin halten nicht, was sie versprechen. Tiefe und Reichhaltigkeit fehlen. Dafür findet man viele Klischees, die unerfahrenen  Leserinnen ein fast obskures Liebesbild zeichnen, und andere wohl nerven.

 

cbt, ab 12 Jahren

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s