Anfang der Woche: Harry Potter und der Orden des Phönix

Dudley umnachtet

Der bislang heißeste Tag des Sommers neigte sich dem Ende zu und eine schläfrige Stille lag über den großen wuchtigen Häusern des Ligusterwegs. Autos, die normalerweise glänzten, standen staubig in den Einfahrten, und Rasenflächen, die einst smaragdgrün waren, lagen verdorrt und gelbstichig da – wegen der Dürre war es verboten worden, sie mit Gartenschläuchen zu wässern. Die Bewohner des Ligusterwegs, die sich nun nicht mehr wie üblich mit Autowaschen und Rasenmähen die Zeit vertreiben konnten, hatten sich in die Schatten ihrer kühlen Häuser zurückgezogen und die Fenster weit aufgestoßen in der Hoffnung, eine vermeintliche Brise hereinzulocken. Der einzige Mensch, der noch draußen war, ein Teenager, lag in einem Blumenbeet vor Nummer vier flach auf dem Rücken.

Es war ein schlaksiger, schwarzhaariger Junge mit Brille, der ausgezehrt und leicht ungesund wirkte, wie jemand der in kurzer Zeit recht schnell gewachsen war. Seine Jeans war dreckig und zerrissen, sein T-Shirt ausgeleiert und verblichen, und die Sohlen seiner Turnschuhe schälten sich vom Oberleder…

 

Joanne K. Rowling, Harry Potter und der Orden des Phönix, Carlsen, Hamburg 2003, S. 7.

 

Ich kam mit der neuesten Ausgabe der „Hinz&Kunzt“ nach Hause und setzte mich zusammen mit meiner kleinen Schwester ins Wohnzimmer: Das Hamburger Straßenmagazin veröffentlichte einen Monat vor dem Verkaufsstart des Romans dessen erstes Kapitel. Wir waren so aufgeregt und so glücklich. Anschließend diskutierten wir das Gelesene. Der Schreibstil der Autorin kam mir damals so verändert vor und auch Harry hatte sich verändert. Ich glaube mich zu erinnern, dass mir beides damals nicht gefiel und irgendwie wirkt das bis heute nach.

Aber zugleich schätzte ich diese Veränderung: Harry war kein Kind mehr und dies musste sich auch in seinem Habitus und somit auch im verwendeten Stil widerspiegeln.

Das Besondere an diesem Anfang ist die flirrende Hitze, die über allem liegt; wie ein Gelbton, der sich über die Szenerie schiebt. In dieser Dürre und mit den Begleiterscheinungen des jugendlichen Wachstumsschubs wirkt der Junge noch einsamer. Er fühlt sich, wie wir in der Folge erfahren, verlassen, doppelt ausgeschlossen vom menschlichen und vom Zauberer-Leben. Und in diesem Elend muss er über sich hinauswachsen und seinem brutalen und verzogenen Cousin helfen.

Die Bildlichkeit dieses ersten Kapitels hat bis heute dafür gesorgt, dass ich meine eigenen Bilder, nicht die der Verfilmung, sehe, wenn ich es lese. Es wird mal wieder Zeit für einen „Harry-Potter“-Marathon.

 

 

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