Anfang der Woche: Harry Potter und der Feuerkelch

Das Haus der Riddles

In Little Hangleton nannten sie es immer noch das»Riddle-Haus«, obwohl die Familie Riddle schon seit vielen Jahren nicht mehr dort wohnte. Das Haus stand auf einem Hügel mit Blick über das Dorf, einige Fenster waren mit Brettern vernagelt, das Dach war löchrig, und der Efeu rankte sich ungezügelt an den Mauern entlang. Das einst schöne Anwesen der Riddles, das mit Abstand großzügigste und beeindruckendste Haus im ganzen Umkreis, war nun feucht, heruntergekommen und menschenleer.

In Little Hangleton waren sich alle einig: das Haus war ihnen»nicht geheuer«. Ein halbes Jahrhundert zuvor war hier etwas Merkwürdiges, etwas Entsetzliches geschehen, über das die Älteren im Dorf immer noch zu munkeln pflegten, wenn es sonst wenig zu klatschen und zu tratschen gab. Sie hatten die Geschichte so oft aufgewärmt und an so vielen Stellen weitergestrickt, da keiner mehr so recht wusste, was nun in Wahrheit geschehen war. Doch wer auch immer die Geschichte erzählte, sie begann unweigerlich am selben Ort: Vor fünfzig Jahren – damals führten die Riddles noch einen stattlichen Haushalt – war ein Hausmädchen bei Anbruch eines schönen Sommermorgens in den Salon getreten und hatte alle drei Riddles tot vorgefunden.

Schreiend war das Mädchen den Hügel hinab ins Dorf gestürzt und hatte die halbe Einwohnerschaft aus dem Schlaf gerissen…

Joanne K. Rowling, Harry Potter und der Feuerkelch, Carlsen, Hamburg 2000, S. 5.

 

Das war der erste „Harry-Potter“-Band, den ich je las. Die Bücher waren in aller Munde, die Leserschaft stand stundenlang an, um an ein Exemplar zu kommen. Nachdem ich ihn gelesen hatte, lieh ich mir die ersten Bände von Freundinnen und war nun an die Reihe gebunden.

J. K. Rowling nutzt hier das Präteritum, das klassische Tempus des Erzählens. In Verbindung mit dem Plusquamperfekt an den richtigen Stellen werden wir Leser eingelullt von den unbewussten Erinnerungen an Vorleseabende mit den Eltern, die von Märchen und Astrid Lindgren geprägt waren. Wenn sie dann auch noch Wörter wie pflegen, recht und stattlich benutzt, dann zeugt das nur einmal mehr von ihrem Können (und dem des Übersetzers Klaus Fritz): anheimelnd, immer seltener verwendet, doch treffend und daher mächtig. Die Andersartigkeit und der Verfall des Riddle-Hauses wirken wie Metaphern für den berühmten Nachkommen. Die Antithesen, die sie hier verwendet, und das Wort menschenleer (unoccupied hätte Fritz auch mit unbewohnt übersetzen können, aber menschenleer ist hier eben treffender, da mit einem Hinweis versehen) sind weitere Belege für einen gelungenen Anfang: Rowlings Sprache ist reich an rhetorischen Mitteln. Zudem konzentriert sie sich hier auf den Antagonisten; wir erhalten Informationen über die Geschichte Voldemorts, dessen Figur in diesem Teil noch weiter an Profil gewinnt.

Das heißt, schon die erste Seite dieses Romans informiert und fesselt. Und verspricht auch für den Rest gelungene Unterhaltung.

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