„Deutsche Kindersoldaten“ oder Ich, einfach naiv

Als ich zur Schule ging, mussten die Jungs sich noch zwischen Bundeswehrdienst und Zivildienst entscheiden. Die Zeit nach der Schule war also vom Staat verplant. Ich erinnere mich, dass auch Freunde, die ihre Mittlere Reife gemacht hatten, vor dieser Wahl standen. Aber was ich nicht mehr weiß, ist, was ich denn darüber dachte, dass auch Minderjährige ihren Dienst ableisten.

Wahrscheinlich nahm ich es gar nicht wirklich wahr oder ich kümmerte mich nicht weiter. Ich musste mich ja nicht entscheiden, ob ich den Dienst an der Waffe verweigere. Ein kleiner Teil von mir redet sich aber gerade ein, dass ich bestimmt stutzig wurde bei dem Gedanken, dass ein Minderjähriger lernen sollte, wie man auf Menschen schießt.

Meine Naivität der Jahre nach meiner Schulzeit kann ich nicht erklären. Die Augen geöffnet hat mir Jakob Augstein in seiner Kolumne „Im Zweifel links“ vom 13. Januar. Jeder 17-Jährige mit deutscher Staatsangehörigkeit kann unter der Voraussetzung weniger anderer Kriterien freiwillig den Wehrdienst ableisten:

Voraussetzungen

  • Sie sind mindestens 17 Jahre alt.
  • Sie haben mindestens die Vollzeitschulpflicht erfüllt.
  • Sie besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft.
  • Sie sind bereit, sich bundesweit versetzen zu lassen.
  • Sie erklären sich dazu bereit, an Auslandseinsätzen der Bundeswehr teilzunehmen.
  • Die Verpflichtungszeit richtet sich nach den Zielen, die Sie in dieser Laufbahn anstreben, und kann in dieser Laufbahn als Freiwilligen Wehrdienstleistende oder Wehrdienstleistender 7 bis 23 Monate betragen.

Quelle: bundeswehrkarriere.de

Moment mal, du darfst noch nicht ohne Begleitung durch einen Erwachsenen Auto fahren?

Aber du darfst lernen, wie man seine Waffe reinigt.

Du darfst noch nicht darüber mitentscheiden, wer dieses Land regiert.

Du darfst noch keine rechtsverbindlichen Verträge unterzeichnen.

Aber du erklärst dich bereit, an „Auslandseinsätzen der Bundeswehr teilzunehmen“.

Du bist noch nicht voll deliktfähig.

Aber du darfst lernen, wie man Menschen erschießt.

Du darfst noch nicht länger als 4o Stunden die Woche oder am Samstag und Sonntag arbeiten; Schichtarbeit ist in deinem Alter nicht zulässig.

Du brauchst noch das Einverständnis deiner Eltern, wenn du heiraten willst.

Du darfst dich nach dem Jugendschutzgesetz ab 0 Uhr nicht mehr in Bars und Diskotheken aufhalten und du darfst nicht rauchen.

Du darfst in der Öffentlichkeit keinen hochprozentigen Alkohol trinken.

Du darfst keine Pornos sehen.

Ich wechsele gerade unwillkürlich vom Schmunzeln zum Kopfschütteln.

Denn obwohl du das alles noch nicht darfst, obwohl du noch nicht vor dem Gesetz mündig bist, noch nicht vollständig erwachsen, darfst du doch laut Gesetz im Auftrage der Bundesregierung (in Friedenszeiten hat die Verteidigungsministerin, in Kriegszeiten die Bundeskanzlerin die Befehlsgewalt über die Bundeswehr) töten. Zuvor benötigst du als Minderjähriger allerdings noch eine Einverständniserklärung deiner Eltern.

Ja, 17-jährige Soldatinnen und Soldaten mit Kindersoldaten zu vergleichen, die dazu gezwungen werden, zu töten, geht zu weit. Allerdings sollten unmündige Menschen nicht die Verantwortung für das Leben anderer übernehmen. Sie sollten nicht lernen dürfen, wie man einem anderen Menschen das Leben nimmt.

 

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