„Unsere Kultur“

Ein Theater in Hamburg. Zwei Mädels versuchen, mit ihnen unbekannten Menschen die Plätze zu tauschen, um beieinander sitzen zu können. Schülergruppen verschiedener Schulen drängen neben Müttern mit ihren fast erwachsenen Söhnen in den Saal. Auf der Bühne steht neben einem DJ und seinem Equipment eine Sofaecke. Whiskeyflasche und Hantel verraten den Eingweihten, worauf die Menge wartet: Ein Dichterwettstreit.

Der Moderator des Abends, selbst Poet, gestaltet die  Jury-Auswahl zu einem eigenen kleinen Unterhaltungsprogramm: Vor allem das junge Publikum begehrt einen der fünf Plätze. Zum Schluss ist jedoch auch ein „älterer Mann“ dabei, der auf die Bühne gebeten wird, um dann dem sichtlich irritierten und zugleich faszinierten Jason Bartsch auf die Frage nach seiner beruflichen Tätigkeit schlicht „Ich mache nichts“ zu antworten.

Und die Gesichter meiner jungen Begleiter strahlen.

Auf dem Traktor durch ein Computerspiel, dann ein Besuch beim TÜV – die Worte passen, die Lacher fallen, aber es sitzen wohl zu wenige Landwirte oder Widersacher solcher im Publikum – der Applaus fällt freundlich, nicht stürmisch aus.

„Bist du Jesus?“ – Mit dieser Frage sieht sich der nächste Slammer konfrontiert. Ein dadaistisches Meer aus Beschreibungen eines fröhlichen Hippie-Daseins  und der Erkenntnis, Jesus näher zu sein, als man glaubte, verwirrt und fesselt mich.

Meinen eigenen Schrecken und die Neugierde sehe ich in ihren Gesichtern. Fröhliches Lachen, auch über das Erkennen, dass das neu ist, was sie da sehen, hören, erleben, anders.

Nach der Pause wird eine Band angekündigt. Eine Band bei einem Poetry-Slam? Ich bin enttäuscht, auch wenn der Moderator darauf hinweist, dass dies ein gewohnter Programmpunkt sei. Nun, solange bin ich noch nicht dabei. Das Credo „Der Text, und nichts als der Text“ klingt laut und deutlich in meinem Kopf. Ein Poetry-Slam braucht keine Band. Weder, um die Stimmung zu heben, noch, um zu unterhalten. Diese Band senkt meine Laune also, gibt diesem Ereignis irgendwie den Beigeschmack eines Pop-Events: Gib mir mehr für mein Geld, mehr Action, mehr Unterhaltung, mehr Abwechslung. Dabei ist der Slam an sich das Mehr. Vier oder acht Poeten zu sehen, ihre Texte zu hören, ihren Auftritt zu beobachten, fordert sehr viel Aufmerksamkeit – oder aber man lässt sich einfach berieseln. Es ist beides möglich. Und doch bleibt der Fokus in beiden Fällen beim Text und seinem Autor, seinem Sprecher, mit all seiner Nervosität und Souveränität.

Die Band, die drei Jungs, sind dennoch gut. Die Schüler, die als Backgroundsänger aktiviert werden sollen, verstehen nicht so recht, was von ihnen verlangt wird. Die Lieder sind kurz und eher wiederholungslastig. Aber sie beherrschen ihr Handwerk, sind nett anzuschauen und machen mich lächeln. Wenn du als Musiker unterhältst und in Erinnerung bleibst, dann ist das, was du tust, gut.

Im Anschluss fahren wir mit der Bahn. Das dazugehörige Prosastück ist ruhig, nachdenklich, nicht Lacher heischend. Allein unter Fremden, die unterwegs und einem so nah sind, wie es manchmal nicht einmal die vielbeschworenen Freunde und Familien sind. Die Poetin berührt mich, nicht die Neulinge, die mich begleiten.

Begeistert sind sie von Jean-Philippe Kindler. Er lässt seine Texte klingen, er lässt sie zischen und funken. Dann drosselt er das Tempo, das er beherrscht. Nie laufen ihm seinen eigenen Worte davon, selbst als er von der Entstehung eines Gedankens berichtet. Erstaunt erkenne ich, dass ich in den letzten Wochen mehrere Texte hörte, die in Liebe von den Eltern sprachen. Kritisch, das Komische betonend und doch zärtlich und dankbar sind auch seine Worte über den Vater.

Da Finale bestreiten Dada und Kindler. Nun haben die Texte weniger Kraft. Es geht um die erste große Liebe; hier erklingt die Lyra noch, auch wenn das Thema eher konventionell gestaltet ist. Dann folgt ein Statement zum vergangenen Wahlkampf im Kleid einer Metapher, das recht schnell fallengelassen wird. Der Hippie wirft mit Fäkalien um sich und schert sich nicht um eine einigermaßen verständliche Verkleidung dieses Ergusses. Jetzt scheint das Publikum nicht nur verwirrt, sondern nach dem rasanten ersten Auftritt auch enttäuscht zu sein. Meine Mädels senken zum Teil die Köpfe; Scham, Abscheu? Eine lacht über die Jüngere.

Der Bild- und Tonmeister mit der geföhnten Frisur und dem breiten Lächeln gewinnt. Das Publikum, auf das es mir heute ankommt, kommentiert mir gegenüber sachlich: Naja, die wollten ja ins Finale. Dann müssen die Texte am Anfang auch besser sein.

Sie wollen, dass ich sie beim nächsten Mal wieder mitnehme. Sie strahlen mich an, auch Tage danach.

Er, der Verantwortung für sie trägt, sagt, ist doch schön, dass sie unsere Kultur kennenlernen können.

Unsere Kultur? Der Poetry-Slam entstand in den USA; initiiert von einem Handwerker. Als er in den 90ern nach Deutschland kam, war er klein, Underground. Heute verkauft eine blonde Stundentin Bücher ihrer Texte, die wie eine dieser Teenie-Romanreihen daherkommen, die ich hier rezensiere. Ein paar Jungs sitzen in prestigeträchtigen Talkshows und bringen einen Witz nach dem anderen, gekonnt eingebettet in die Unterhaltung mit dem Moderator. Oder sie moderieren Aufklärungssendungen eines öffentlich-rechtlichen Kinder- und Jugendkanals. Sie könnten das wahrscheinlich auch in einer anderen Sprache als Deutsch tun. In den Texten geht es um Streit mit dem Nachbarn, um Schmetterlinge im Bauch und Trennungen auf den Schultern. Um den Abschied von den Eltern, den Aufbruch in ein neues Leben, um den eigenen Namen und die Vorurteile, die der auslösen mag. Es geht ums Skispringen, um Freiheit, um Angst, um Liebe, Tod und Einsamkeit. Unsere Kultur?

Du, der du das sagtest, hattest Sekunden zuvor mit einem kleinen Satz kenntlich gemacht, dass du glaubtest, die Texte dieser Slammer entstünden erst im Laufe des Abends. Es war dein erster Besuch eines Poetry-Slams. Die Mädchen, über die du sprachst, hatten dagegen schon selbst Slam-Poetry geschrieben, hatten sie in einem Dichterwettstreit vorgetragen, sich Punktetafeln und Applaus gestellt.

Aber sie tragen Kopftücher. Und deshalb glaubst du, es sei gut, wenn sie so „unsere Kultur“ kennenlernen.

Glaub mir, sie lernen Kultur kennen. Die Kultur des Schreibens, des Feilens, des Mutes, seine Worte Nahen und Fremden zu präsentieren. Die Kultur des Austausches, der Kritik, des Lobs. Die Kultur des Wettbewerbs, der Niederlage, des Sieges. Auf einer Bühne. Mit ihren Worten, ihren Bildern, ihren Klängen. Sie lernen unsere Kultur kennen. Nicht die, von der du glaubst, sie lehren zu können. Deine Kultur ist das nämlich bisher nicht. Vielmehr hast du wohl an diesem Abend unsere Kultur kennengelernt.

 

 

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