Wer ist Abby?

Owens Leben in dem Film Let me in (2010) ist scheiße, es ist kalt, brutal und einsam. Seine Mutter trinkt, betet und fragt ihn mit dieser schäbigen, unverbindlichen Floskel, wie es in der Schule läuft. Sein Vater lebt von den beiden getrennt, irgendwo; in den drei Wochen, in denen die Handlung des Films spielt, bekommt der Zuschauer ihn nicht zu sehen. Aber seine Ex leidet unter seinen Worten und seinem Sohn bietet er keine Hilfe, als dieser sich  mit einer der großen Fragen des Lebens an ihn wendet: Gibt es das Böse? Nein, er stellt diesen Gedanken als blödsinnig dar, vermutet in dem Glauben der Mutter den Ursprung für diese Frage und vertröstet den Jungen auf ein vages Wiedersehen, am Wochenende vielleicht.

Aber sein Sohn kennt das Böse. Er weiß nur nicht, dass es nicht nur in dem Vampir nebenan steckt, sondern auch in seinen Mitschülern, die ihn und seine Schreie ignorieren, in seinen Lehrern, die dasselbe tun. Vor allem in seinen drei Peinigern, deren Anführer selbst unter den Attacken seines Bruders leidet, um die erfahrene Gewalt und Hilflosigkeit unerbittlich an Owen weiterzugeben, sie in ihn zu pflanzen. Wenn Owen dann in der Dunkelheit seines Zimmers, nur in seine Unterwäsche gekleidet, die demütigenden Attacken in der Rolle des Täters nachstellt, sich den anderen Jungen als sein eigenes Opfers vorstellt, dann denkt man an die Studien, die von Gewalttätern mit mitleiderregenden Lebensläufen berichten. Er verlässt die Fantasie, sobald er sich ein Klappmesser kauft und damit einen dürren Baum mit den Worten seines Peinigers – „Bist du ein kleines Mädchen?“ – malträtiert.

Doch trotz der Angriffe in der Schwimmhalle, die seine Gesundheit und seine Würde aufs Spiel setzen, trotz der permanenten Bedrohung in der Schule, geht dieser Junge dort jeden Tag hin. Er schwänzt nicht, er rastet nicht aus, er brüllt seine Mutter nicht an, kifft nicht, spritzt sich nichts, greift nicht nach dem Weinglas seiner Mutter, läuft nicht davon, sucht sich kein eigenes Opfer, reist nicht aus. Er lebt jeden Tag weiter. Er ist höflich, leise und gar fröhlich, wenn er seine Lieblingssüßigkeiten kaut. Die gönnt er sich trotz der Kritik der Mutter daran. Und er beobachtet seine Nachbarn, beim Sport, beim Vorspiel, beim Rauchen. Er erlebt nichts von dem, was er sich ersehnt, da wundert es nicht, dass er ein Fernrohr zu Hilfe nimmt, um wenigstens dem Leben anderer zugucken zu können.

Und dann kommt Abby.

Abby sagt: „Nur damit Du es weißt: Wir können nicht befreundet sein.“ Und setzt sich doch zu ihm. Abby sagt, er solle sich wehren und härter zuschlagen, als er sich traue. Und braucht selbst nicht zu schlagen, damit ein anderer blutet. Abby ist freundlich und lächelt, wenn sie ihn sieht. Sie besucht ihn und kommuniziert mit ihm per Morsezeichen. Sie will in seiner Nähe sein und vertraut sich ihm an. Sie rächt ihn. Und sie ist ein Vampir.

Die einzige Zuflucht in dieser Welt ist ein totes Wesen, das nicht altert, das kein Mädchen ist, aber in dem Körper eines Mädchens steckt, das regelmäßig menschliches Blut braucht, weil es sonst stinkt, stirbt. Ein Wesen, das seine Opfer zu locken weiß, um sie dann gierig und wild auszusaugen. Wer jetzt denkt, naja, sie könnte ja nur ein bisschen trinken, der irrt: In dieser Vampirwelt hat ein Bisschen eine Verwandlung des Opfers zur Folge. Und der Vampir lebt in einer karg eingerichteten Wohnung in einem tristen Wohnblock, mit Patchworkdecken und Karton an den Fenstern und einem älteren Mann als Essenslieferanten und Mitbewohner. Nein, Abby nährt sich nicht von ihm. Der arme Mann muss ein Mal die Woche nichtsahnende Menschen in ihren Autos auflauern, sie betäuben und ausbluten lassen. Denn greift sie ein Opfer allein an, muss er doch hin, um es verschwinden zu lassen. Warum?, fragte ich mich da. Sie ist stark, Fingerabdrücke wird sie nicht hinterlassen. Doch eine Zwölfjährige, die nachts allein durch den Wald läuft oder ein Auto fährt, fiele wohl auf. Die beiden sind sich nahe. Er muss sie lieben, wenn er all das für sie tut, wenn er sich Säure ins Gesicht schüttet, um es unkenntlich zu machen, bevor er nach einem misslungenen Angriff von der Polizei festgenommen werden kann. Er leidet unter diesem Leben und nimmt es sich, nachdem er sie von sich trinken lässt. Auch er scheint niemand anderen zu haben, nur diesen hilflosen und zärtlichen Vampir, der brüllt, wenn er hungrig, aber kein Blut greifbar ist.

Wenn Owen schließlich mit Abby in einem Zug seine Welt verlässt, dann hat er gesehen, wie sie sein Blut mit verzerrtem Gesicht vom Boden leckt, wie sie anschließend eine Nachbarin überfällt, wie sie einen Polizisten, den einzigen wachsamen, fragenden Menschen in dieser Welt, der nicht zu Abby gehört, aussaugt. Der seine Hand im Sterben nach Owen ausstreckt. Er kennt das blutdurstige Böse, das tötet und attackiert, um zu leben, und dir danach zärtlich einen feuchten Kuss auf die Lippen drückt. Und er kennt das nach Leid dürstende Böse, das innerlich klein und verletzt ist, und äußerlich beliebt, laut und brutal, das attackiert, um sich zu rächen, zu stärken am Leid eines Anderen. Owen ist der Andere, der das offensichtliche, das tradierte Böse liebt, der es schützt, in dem er das Blutschlammassel bereinigt, der es in seine Wohnung und in sein Bett lässt. Er ist derjenige, der den Rat des Bösen befolgt und selbst böse wird, als er seinem Peiniger mit einer Stange das Ohr einreißt, bevor dieser ihn abermals angreifen kann.

Vampire wurden nicht erst seit Bram Stokers Dracula (1897) als das personifizierte Böse inszeniert. Aber sie verkörpern auch menschliche Lust, Verlangen, den Sieg der Triebe, sie stehen für die Völlerei ohne real wahrscheinliche Konsequenzen wie Übelkeit und Speckgürtel. Sie leben den Traum von ewiger Jugend, nicht nur sexueller Agilität. Sie sind die Verlockung schlechthin. In Ewigkeit (zusammen) leben können Vampire und dabei großartig aussehen. Gebildet oder völlig stupide, verblödet können sie sein. Manch einer von ihnen ist in den letzten Jahren keusch und Vegetarier. Und derzeit dominiert das (Teenager)-Idol das irgendwann gefährliche Monster. Auch kindliche Vampire, als Kinder verwandelte Vampire sind nicht neu, man denke nur an Kirsten Dunst in Interview mit einem Vampir (1994; nach dem Roman Gespräch mit einem Vampir, 1976).

Abby steckt im Körper eines Kindes und sucht die Nähe eines Kindes, doch für mich verkörpert sie nicht nur die Sehnsucht nach einem Vertrauten, nicht nur den inneren Kampf zwischen Gut und Böse,  sondern die Depression, die dich auffängt, die dich zärtlich umschließt und vor der lieblosen Welt da draußen schützt. Und wenn du deinen Daddy anrufst, ihn um Rat und Hilfe bittest, dann versteht er dich nicht, dann degradiert er deine Weltangst zu einer Spinnerei und du rennst in die offenen Arme der Dunkelheit. Denn sie hört dir zu, sie interessiert sich für dich, sie will bei dir sein und sie leidet, wenn du sie nicht hineinlässt.

Dieser Grundgedanke wurde beim Schauen des Films immer stärker. Owen tat mir so leid. Und zugleich freute ich mich doch für ihn, dass er Abby gefunden hatte, dass sie seiner Freundlichkeit neugierig und zärtlich begegnet und ihn zu ihrem Vertrauten macht. Doch er hat Mutter und Vater zurückgelassen, die einzigen lebenden Menschen, zu denen er eine Verbindung hatte. Seine Mutter kochte für ihn, er wird von ihr für seinen Angriff auf dem Eis nicht bestraft und jemand musste ihm einst sein Fernrohr gekauft haben. An Abbys Seite wird er am Tag wieder allein sein müssen, in der Nacht morden müssen. Dafür erhält er eine innige Nähe. Doch diese Nähe trieb seinen Vorgänger zur Selbstverstümmelung und schließlich in den Selbstmord.

Wenn Abby die personifizierte Depression ist, dann reißt sie ihn mit ihrer Liebe aus seinem trostlosen Leben und macht es noch trostloser. Wenn die Depression dich umhüllt, du dich ihr hingibst, dann ist jeder Schritt hinaus schmerzhaft. Owen erkennt ja schließlich, wenn er da kennengelernt hat. Aber er hat keine Alternative. Er hat nur das Böse. Um bei ihr bleiben zu können, wird er sich selbst weiter verlieren. Um sie zu verlassen, bräuchte er jemanden von außen. Ist er stark genug, um es allein zu schaffen? So wird er in diesem Film nicht inszeniert. Aktiv gegen seine Mobber vorgehen will er erst, als sie auftaucht.

Nach dieser Lesart bittet Owen eine Krankheit in seine Wohnung, in sein Leben,  kämpft gegen sein Bedürfnis nach ihrer Nähe an und verliert diesen Kampf. Denn auch Abby bittet ihn hinein, in ihr Leben. Ich will die Depression hier keinesfalls verherrlichen. Abby ist eine gelungene Hauptfigur, verletzlich und stark, schattiert. Doch die Erkenntnis, dass ein Junge erst durch dieses dunkle Wesen aufblüht, dass er dieses Wesen liebt, dass er Morde in Kauf nimmt, damit es leben kann, die ist ernüchternd und erschreckend zugleich.

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