Nina Blazon: Der dunkle Kuss der Sterne

Am Morgen meiner Hochzeit erwachte ich, ohne zu ahnen, dass ich tot war, obwohl mein Herz noch schlug.

Und sie hatte mich. So einfach die Worte auch sein mögen, so oft genutzt, zusammen klingen sie nach mehr. Dasselbe gilt für den Titel dieses Romans der deutschen Journalistin und Autorin Nina Blazon.

Die Ich-Erzählerin Canda Moreno hat als Tochter der einflussreichsten Familie Ghans eine glorreiche Zukunft vor sich, als sich diese kurz vor ihrer Hochzeit grundlegend zu verändern scheint.

Nina Blazon zeichnet mit Ghan eine Welt, die wie eine Mischung aus „Star Wars“ und „Märchen aus 1001 Nacht“ daherkommt. Manchmal erinnert sie auch an Panem. Eine Traumwelt ist es, in der die Protagonistin lebt; selbst als sie diese verlassen muss, beschwört die Autorin Szenarien hervor, die funkeln, über Sand ins Wasser führen, durch enge Märkte und verlassene Kathedralen.

Es geht um eine Reise zum Ich, um das Wachsen an sich selbst und am Leben, ohne dass es der Protagonisten allzu früh bewusst wäre. Treffende Kapitelüberschriften, klingende Namen (z. B. „Canda Hundeherz“), metaphorische Dychotomien, inhaltliche Stringenz, Spannung, unerwartete Wendungen und das Zurückgreifen auf zuvor Aufgebautes machen diese Darstellung, zuweilen auch Feier des Lebens so überzeugend.

„Der dunkle Kuss der Sterne“ ist ein abgeschlossener Roman. Eine Fortsetzung lässt der Schluss nicht erwarten, auch hat die Autorin bisher keine verkündet. Ihr Erzählen ist verdichtet: Satzgefüge mittlerer Länge, viele Adjektive und eine insgesamt bildreiche Sprache tragen durch mehr als 500 Seiten Handlung. Nur an einer Stelle verkürzt sie die Darstellung zugunsten anderer Handlungspunkte, wobei damit die Bedrohlichkeit der Wüste, die sie zuvor so eindrucksvoll schilderte, etwas an Kraft einbüßt.

Die Heldin Canda schafft auch allein, was zu tun ist, ist aber keine Insel, sondern braucht Gefährten und Freunde. Sie erkennt sich selbst im Kontakt mit dem Anderen. Zugleich bleibt ihr die Sehnsucht nach der Familie, nach dem Gewohnten und Vertrauten.

Dieses Jugendbuch handelt auch von der Liebe in verschiedenen Facetten: Geborgenheit, Vertrauen und Vertrautheit, Verrat, Dunkelheit und Verzweiflung, Ungewissheit, Leidenschaft, Eifersucht, Treue, Partnerschaft und Tradition – wobei diese Aspekte keineswegs in dieser Konstellation auftreten.

(ACHTUNG: SPOILER)

Wieder gibt es eine schwache und korrupte Elterngeneration; diejenigen, die zur Tat schreiten, sind jung, doch dies erhöht das Identifikationspotenzial für den (jungen) Leser.

Ein paar Fragen bleiben unbeantwortet: Warum müsste Amad sterben, wenn er den Fluss überquerte? Was passiert, wenn Canda ihr Leben gelebt hat, wie altert ihr Gefährte? Wo sind die anderen Lichter, nach denen Candas Geschwister zuvor suchten?

Obwohl die Antworten auf diese Fragen mein Lesevergnügen noch gesteigert hätten, bin ich froh, nach diesem Roman gegriffen zu haben. Nach etlichen Reihen (und Übersetzungen) war es schön, auch sprachlich in diese traumhafte Welt gesogen zu werden.

 

cbt, ab 13 Jahren

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