Walter Benjamin: Der Erzähler

In meinem ersten Semester an der Universität besuchte ich ein Proseminar im Fachbereich „Ältere Sprache und Literatur“. Es ging um den Prosaroman, der in der Zeit des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit entstand. Professor Friedrich, der heute an der Universität zu Köln lehrt, gab mir in diesem Seminar neue Worte und Namen. Worte, mit denen ich heute präziser beschreiben kann, was das Lesen von Romanen mir gibt, weshalb es mich so fesselt und rührt. Namen derer, die sich mit dem Erzählen wissenschaftlich, philosophisch auseinandersetzten und es noch heute tun.

Walter Benjamins Name und sein Essays „Der Erzähler. Betrachtungen zum Werk Nikolai Lesskows“ ist mir aus diesem Seminar wohl am besten in Erinnerung geblieben. Nein, das ist nicht gänzlich korrekt. Ich erinnere mich daran, wie meine Welt klarer wurde, als ich den Essay zum ersten Mal las, in Bruchstücken erinnere ich das Gespräch mit Professor Friedrich darüber. Und immer, wenn ich über das Erzählen erzähle, kommen mir Passagen wie diese in den Sinn:

Nicht darum also ist der Roman bedeutend, weil er, etwa lehr-
reich, ein fremdes Schicksal uns darstellt, sondern weil dieses fremde
Schicksal kraft der Flamme, von der es verzehrt wird, die Wärme
an uns abgibt, die wir aus unserem eigenen nie gewinnen. Das was
den Leser zum Roman zieht, ist die Hoffnung, sein fröstelndes Leben
an einem Tod, von dem er liest, zu wärmen.

Doch gerade darüber wirkt der Essay in meinem Alltag, in meiner Gegenwart und wird damit zu mehr als einer Erinnerung an etwas Vergangenes. Indem ich diesen Text lese, ihn weiterempfehle, ihn mit anderen Lesenden diskutiere, entstehen meiner Meinung nach – und da widerspreche ich dem obigen Zitat und damit Walter Benjamin – Flammen, die den Einen oder Anderen ebenso wärmen mögen wie eine Romanhandlung.

Obwohl ich zugeben muss, dass die vielen Schicksale, an denen ich mich wärme, seit ich lesen kann, allein in ihrer Anzahl und Intensität durch mein eigenes nicht eingeholt werden können. Das macht die Lektüre eines Romans umso schöner: Er wärmt an einem Herbsttag und kann es immer wieder tun, kann hineinwirken in mein eigenes Leben, mich inspirieren oder nur träumen lassen. Und es gibt so viele von ihnen…

Den Essay findet ihr hier als PDF.

Nachtrag vom 11. Juli 2019: Hallo, liebe Benjamin-Interessierte! Wenn ihr einen Moment während eurer Recherche erübrigen könnt, dann schreibt mir bitte kurz, ob euch mein Beitrag geholfen hat. Habt ihr etwas Neues über Walter Benjamin gelernt? Ich danke euch im Voraus!

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